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Neuerscheinungen von Random House/Bertelsmann * Frühjahr/Sommer 2015

Daniel Bergner: Die schwarze Seite der Lust
Vier Fallgeschichten

Jenseits der Norm aber natürlich?
Bergners Buch ist verwirrend und erhellend zugleich. Er stellt in vier Kapiteln Fallbeispiele vor oder anders ausgedrückt: Schicksale. Menschen, die an Paraphilien leiden, also sexuell abweichendem Verhalten: Kinderschänder, Sado, Maso, Fetischisten etc.

Zunächst zu seinem Stil. Der ist erzählerisch, nicht journalistisch, nicht populär-wissenschaftlich, aber auch nicht literarisch im Sinne von fiktiv.
Dennoch erfährt man auch eine Menge Fakten, bekommt Information. Abgesehen von der Schilderung der Schicksale auf eine anschauliche und einfühlsame Art und Weise, erfährt man genauso viel über die Therapeuten und ihre Therapien, und weiterhin über ihre Schicksale und ihre Motivation, sich mit diesen Verirrungen und den Verirrten zu beschäftigen. Sehr interessant ist vor allem sein viertes Kapitel, in dem er eine Frau, die durch einen Unfall beide Beine verloren hat, einen erfolgreichen Modefotografen, der nur Frauen ohne Beine lieben kann und Hans Bellmer (1902 - 1975), der seinen mit seinen deformierten Puppenkörpern und seiner Beziehung zu Unica Zürn als Künstler häufig zu den Surrealisten gezählt wird, miteinander verknüpft. Das ist nicht nur dramaturgisch höchst überzeugend sondern in gewisser Weise auch auf der metaphorischen Ebene.

Ja, es ist am Ende die Frage, was ist gut und was ist böse. Ist der Mensch gut oder böse? Wer entscheidet, was gut und was böse ist und: Wer stellt überhaupt die Frage? Und muss diese Frage durch die Zeiten und Gesellschaften hindurch nicht immer wieder anders gestellt und auch anders beantwortet werden? Bergner urteilt, richtet nicht. Man erfährt eine Menge Dinge, die man sonst sicher nur über intensives Studium erfahren würde. Sex war bis zum 19. Jahrhundert in den meisten Gesellschaften etwa ab dem zehnten Lebensjahr erlaubt, auch mit Älteren. Es dürfte bekannt sein, dass es immer noch Gesellschaften gibt, in denen Mädchen in diesem Alter "verheiratet" werden. Da hilft auch die aufgeklärteste Empörung nichts.

Interessant auch die Frage, ob die, womöglich schon pränatale, sexuelle Prägung im dafür vorgesehenen Zeitfenster, endgültig ist. Und ob man beispielsweise von Geburt an homosexuell ist. Bergner führt eine Ethnie an, in der es üblich ist, dass die heranwachsenden Jungmänner sich gegenseitig oral befriedigen. Jeder Mann in diesem Volk macht also eine solche (aktive und passive) Phase der Gleichgeschlechtlichkeit durch, bevor er dazu autorisiert ist, mit dem gleichen Vergnügen, Kinder zu zeugen.

Das Buch war für mich stellenweise nur mit Schmerzen zu lesen, aber es lohnt sich, den Schmerz auszuhalten (ohne das Gefühl haben zu müssen, paraphil zu sein).


Katinka Buddenkotte:
Fortpflanzung nach Tagesform

Romane haben für mich zwei Möglichkeiten, unterhaltsam zu sein: Ein interessanter Plot oder eine interessante Sprache („interessant“ ist als Platzhalter zu verstehen für die jeweils einzusetzenden Adjektive). Besonders gelungene Romane zeichnen sich dadurch aus, dass beides, Sprache und Plot, hoch interessant sind.

Der Plot in „Fortpflanzung nach Tagesform“ hat Potenzial. Eine Pärchen, eigentlich ganz glücklich, eigentlich ganz gut zueinander passend, kommt zu der Erkenntnis, schon in den Dreißigern, eigentlich könnten wir doch ein Kind haben. So weit, so gut, aber es klappt nicht mit dem Kinderkriegen und schon wird es kompliziert. Das Potenzial liegt hier also in einer Art „romantic comedy“, weil sich das Pärchen nach der Krise mit all ihren Katastrophen wieder glücklich vereint. Das funktioniert nur, wenn das Personal drum herum genügend Potenz für Verwirrung und Verführung sorgt. Auch das ist vorhanden. Nach rund 200 Seiten ist aber das Potenzial des Plots und des Personals aufgebraucht und die Geschichte schleppt sich ohne Höhepunkt über die letzten 40, 50 Seiten.

Warum komme ich außerdem zu dem Schluss, dass der Roman für mich nicht funktioniert? Weil die Ich-Erzählerin Maike unglaublich geschwätzig ist und einfach kein Ende findet. Dauernd versucht sie cool zu sein, originell und möglichst komisch zu formulieren, was Buddenkotte aber nicht immer hinbekommt. Und auf die Dauer ist dieser Ton schwer zu ertragen.

Zwei Zitate: „Meine Jeans liegt auf dem Boden, ich selbst auf dem Küchentisch. Und es ist großartig.“ Das ist die einzige tatsächliche Darstellung dieser Aktion, Liebe, um die es ja auch geht, wenn man Kinder haben will, ansonsten wird nur darüber palavert. Es geht mir nicht darum, mehr solche „Stellen“ und diese möglichst anschaulich vorgesetzt zu bekommen, aber es fällt auf, dass selbst banalste Details mit üppigster Bildhaftigkeit ausgestattet werden, die nicht immer wirklich stimmig ist. Maike sieht fern: „Der smarte Mann hat sich Gesellschaft gesucht, ein zartes Stück Kindfrau, das malerisch auf ein Hotelbett gegossen wurde, vertraut dem Helden an (…).“ Aha, ein Stück Frau wurde gegossen.

Es ist eigentlich nicht Aufgabe eines Rezensenten Empfehlungen zu geben, aber ich glaube, dem Roman hätte etwas mehr Distanz in der Erzählperspektive enorm gut getan; also eine Erzählweise in der Dritten Person oder vielleicht mal ein Perspektivwechsel auf die anderen Charaktere. Ich bin mir aber auch bewusst, dass die Schmerzgrenze zwischen lockerem Plaudern und nervigem Geplapper individuell sehr unterschiedlich gezogen wird. Bei mir ist sie jedenfalls etwas zu häufig überschritten. Ganz im Gegensatz zum Roman "Betreutes Trinken".

Hajo Steinert:
Der Liebesidiot
- Eine neue Stimme

Hajo Steinerts Roman-Erstling liest sich gut, richtig gut, obwohl der Held kein strahlender ist, trägt er doch oft genug gezwungenermaßen Korsett und Herrenwindel.
Auf zwei Handlungsebenen entwickelt sich das Drama um den Liebesidioten Sigmund Seiler. Die eine Ebene ist dessen Aufenthalt in der Siegerland-Klinik zur Rehabilitation nach seinem Bandscheibenvorfall. Hier hält er wöchentlich seine Lesestunde ab, die zweite Ebene. Sie umfasst einen knappen Tag vom Essen in der Kantine, wo er seiner Simonetta Vespucci, bekannt von dem Gemälde Botticellis, begegnet, sie den ganzen Tag nicht nur in Gedanken verfolgt, sondern bis vor ihre Haustür, wo sich statt des erhofften Liebesabenteuers der Unfall ereignet, der ihn zunächst ins Krankenhaus, dann in die Klinik bringt. In die zweite Erzählebene hinein sind Rückblenden in Seilers bisheriges Leben mit eingebaut.
Steinert, Jahrgang 1952, lässt vor allem die Fünfziger und Sechziger des letzten Jahrhunderts Revue passieren und das so anschaulich, wie sie selbst den meisten Jüngeren mittlerweile aus Film und Fernsehen bekannt sein dürften. Steinert verfügt über erhebliches erzählerisches Können, das er auf diesen Ebenen zu Klingen bringt, er wechselt sogar zum Ende hin von der ersten zur dritten Person.
Zum Gelingen des Romans trägt unbedingt auch die Tatsache bei, dass sich Sigmund als professioneller Sprecher bei seiner Liebespirsch nicht nur auf seinen optischen sondern vor allem auf den akustischen Sinn kapriziert.
Nicht nur der Titel „Der Liebesidiot“ (vergl. Henscheids  „Die Vollidioten“) hat mich an eben jenen Henscheid und seine wunderbaren Romane erinnert. Nein, auch die Sprache ist herrlich der Aura des tragisch-komischen Liebeskranken angepasst.
Unbedingt lesenswert!

Joanna Rakoff:
Lieber Mr. Salinger


Coming of age, also der Übergang von der Jugend und Pubertät zum Erwachsenalter ist ein Lieblingsthema der amerikanischen Regisseure und Autoren.  Neben all den unsäglichen Klamotten gibt es aber auch ernsthafte Herangehensweisen wie in American Graffiti oder auch The Graduate (Die Reifeprüfung). Unter den Romanen sticht natürlich Salingers Catcher in the Rye (Der Fänger im Roggen) hervor. Das Thema hat sehr viel mit Verlust zu tun, Verlust der jugendlichen Unbekümmertheit, Verlust oft genug der Freunde und der Heimat.
Joanna Rakoffs coming of age liegt etwa zehn Jahre später, bedeutet also den Übergang ins wirkliche Erwachsenleben mit Kindern beispielweise. Und im letzten Kapitel des Roman Lieber Mr. Salinger hat die Protagonistin Kinder, und die Zeit, in der der Roman spielt, liegt längst hinter ihr. Bezeichnend, dass sie den Fänger erst dann liest, wenn sie längst aus dem Alter Holden Caulfields, des Protagonisten, heraus ist. Und seitdem liest sie jedes Jahr nicht nur den Fänger, sondern den gesamten Salinger. Salinger ist kein one-hit-man, aber sein  literarisches Lebenswerk ist überschaubar.
Der Roman Lieber Mr. Salinger ist wirklich sehr klug gebaut und spielt sich vor dem Hintergrund des New Yorks der Neunziger Jahre in einer Literatur-Agentur ab. Joana ist immer noch überwiegend von Jugend-, College- oder Universitätsfreunden umgeben. Alle voller Hoffnung auf eine Karriere oder Heirat. Die Agentur scheint ein wenig aus der Zeit gefallen und öffnet sich nur widerstrebend dem aufziehenden Computerzeitalter. Joana hofft selbst auf eine literarische Karriere, muss aber in der Agentur zunächst nur Briefe tippen. Standardbriefe von Salinger-Fans. Hier lernt Joana, wie sehr Literatur und Leben zusammenhängen. Erst nachdem sie sich mit all der Fan-Post auseinander gesetzt hat, und zwar weit intensiver als es ihr Job verlangt, ist sie bereit, den gesamten Salinger zu lesen, zu begreifen und in ihrem eigenen Leben voranzukommen.
Ein großartiger Roman, in der Tat.


 
 

© by Klaus-Dieter Regenbrecht, Koblenz 2015

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