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Alle Rechte vorbehalten © All rights reserved by Klaus-Dieter Regenbrecht 1998 - 2016

 

Continuity - Hitchcocks, Pocahontas

Auszug aus dem Krimi - Hier gibt es mehr Informationen!

Der Clown, an die Wand gestützt mit den runtergelassenen Hosen auf den dicken Plastikzehen und die Tussi mit der Maske und hochgeschobenem Rock, schwarzen Strümpfen mit Strapsen, stößt sie von hinten.

Gleich am nächsten Morgen machte sich Karl an die Arbeit. Es war wieder ein wunderschöner Sommertag Ende August und eigentlich hätte er lieber eine Tagestour mit dem Rad, Rennmaschine oder MTB, unternommen, von den Terminen her wäre ihm das möglich gewesen, die Mädel hatten Ferien, und wer wusste schon, wie lange das Wetter noch so bliebe, aber er hatte es Eva versprochen und so machte er sich auf den Weg zum Bavaria Filmgelände. Er nahm seine Enduro, die Power-Honda, seinen Dampfhammer; Arbeit ja, aber wenigstens Zweirad.

„Wo willst du hin?" wollte Yvonne wissen, „du fährst doch mit den Mädchen heute zum See."

Das hatte er vergessen.

„Fahr du schon mal vor, ich muss nur kurz aufs Gelände, da ist irgend was. Ich bin in zwei Stunden am See."

Vergessen. Kein Wunder, auf der Zugfahrt, den ganzen Abend und einen Teil der Nacht über hatte er gegrübelt, was es mit der merkwürdigen Faschingsnummer auf sich haben könnte.

„Dann schaff wenigstens das Schlauchboot ins Auto."

Er tat es und wurde von seiner Frau zum Abschied geküsst. Er wunderte sich nur kurz darüber, wie gut sie heute offensichtlich auf ihn zu sprechen war. Sie hatten sich gestern Abend nicht mehr gesehen, er war gleich in sein Arbeitszimmer im Souterrain gegangen, wo er in einem Nebenraum auch ein Bett hatte. Yvonne und Karl hatten seit dem letzten großen Scheidungsbegehren Yvonnes die getrennten Schlafzimmer beibehalten. Das letzte große Scheidungsbegehren war ein ganz außergewöhnliches gewesen, weil es nicht im Zusammenhang mit einer Schwangerschaft gestanden hatte. Als Yvonne ihren Scheidungswunsch äußerte, war Karls verblüffte Reaktion: „Du bist doch nicht schwanger?!" Yvonne war 48, sein Wonneproppen, mittelgroß, üppig und geil. Meistens, sie konnte äußerst launisch sein. Karl war 51 Jahre alt, Susanne, die jüngste Tochter immerhin schon zwölf und das letzte große Scheidungsbegehren war vor knapp zwei Jahren abgebrochen worden, nachdem ein modus vivendi in langwierigen Verhandlungen unter Einbeziehung der Mädchen gefunden worden war. Damals hatte auch Rebecca noch im Hause gelebt. Sie war jetzt Mitte zwanzig und lebte am Genfer See, arbeitete dort als Übersetzerin. Die beiden mittleren Töchter, 15 und 19 Jahre alt, hießen Alice und Anna.

Karl hatte auch einen großen amerikanischen Kühlschrank voller Getränke und einen Tischgrill, für den Fall, dass er sich außer der Reihe etwas zu essen machen wollte. Seitdem klappte alles besser, ihre Tagesabläufe waren einfach zu unterschiedlich.

Eva. Was immer dahinter steckte, wenn etwas Bestimmtes und jemand Bestimmtes dahinter steckte, es oder er würde nicht leicht herauszufinden sein. Und wenn nichts dahinter steckte: umso besser! Auf jeden Fall musste er tun, was er versprochen hatte. Eva hatte Angst, sie fühlte sich bedroht, und wenn tatsächlich an der Drohung etwas sein sollte, und es zu wie auch immer gearteten weiteren Vorkommnissen kommen sollte, würde er sich nie verzeihen, Evas Ängste nicht ernst genommen zu haben.

Würde er also seine Untersuchungen beginnen. Wenn Evas Ängste nur ihr selbst und keiner äußeren Bedrohung entsprangen, könnte er vielleicht interessanten Stoff entdecken. Wenn Evas Ängste jedoch begründet waren und in Zukunft geschähe etwas, hätte er bereits Erkenntnisse gesammelt, die dann doppelt hilfreich sein konnten.

Er ging als erstes in die Kantine, fand dort aber niemanden, den er kannte. Er kaufte sich einen Kaffee und überlegte. Er kam sich blöd vor, da hatte er die ganze Nacht gegrübelt, wie er es anstellen würde, die Leute geschickt auszufragen, und jetzt war kein Mensch da, den er hätte fragen können. Es war eigentlich gar nicht so schwer. Die Hälfte der Anwesenden bei der Faschingsfeier waren Frauen, von den Männern trug ein großer Teil keine Gesichtsmasken. Ohne einen Einzigen befragt oder ein einziges Foto zu Gesicht bekommen zu haben, wäre der Kreis mit Sicherheit auf ein paar wenige zu beschränken, WENN, ja wenn der Täter, oder die Maske, wie sollte er ihn/sie nennen?, kein Fremder von außerhalb war. Am gleichen Tage hatten mindestens zwei weitere Faschingsfeten auf dem Gelände stattgefunden. Die Bavaria vermietete auch für private Feiern, seinen fünfzigsten Geburtstag hätte er fast auch hier gefeiert. Er entschied sich dann jedoch für etwas gemütlicheres, für einen Biergarten.

„Hei Karl, was machst denn du da?"

„Ich wollte gleich was ans Schwarze Brett hängen, ich hätte gerne Fotos vom letzten Fasching."

„Ich hab keine. Aber der Rudi hat doch fotografiert wie wild, frag den mal."

Cutty, weil sie richtig Katharina hieß und als Cut-Assistentin arbeitete, setzte sich zu Karl an den Tisch. Ihr Haar war kurz und struppig und gefärbt in einem Farbton, den man früher zinnoberrot genannt hat, der heute sicher einen Namen trug wie ICH, Infernal Color of Hell. Ihre Kleidung, Leinenhose, kurzes Hemd, Janker, burschikos hätte man früher gesagt, war ein munteres Zappen durch die Moden der Nachkriegszeit, und bei den unterschiedlichsten Gelegenheiten getragen worden von ihren vielen, vielleicht schon verschiedenen Vorbesitzern. Sie rührte sich ein Müsli an, mehr Ringe als Finger an der Hand, und plapperte munter weiter.

„Suchst du was Bestimmtes? Oder ... Hei, Mann, das fällt mir jetzt wieder ein, da war ja die Hölle los, echt! Die komplette Maske lag schon um sechs unterm Tisch, ha, der Griener hat mal wieder die Kulla angebaggert und ist sowas von kalt erwischt worden, Frau Kullas Gespür für Eiseskälte, das glaubst du nicht, und die liebe Eva hab ich beim Bumsen überrascht auf dem Flur. Ich konnte nix dafür, bin ja kein Spanner, aber das sah echt geil aus. Der Clown an die Wand gestützt mit den runtergelassenen Hosen auf den dicken Plastikzehen und die Tussi mit der Maske und hochgeschobenem Rock, schwarzen Strümpfen mit Strapsen, stößt sie von hinten. Ich kann dir sagen, ich wusste im ersten Moment überhaupt nicht, was los war. Ich dachte, soviel hast du doch gar nicht gehabt, dass du jetzt im Schneegestöber stehst. Bis ich das mal sortiert hatte."

Sie schüttelte den Kopf und fing an, ihr Müsli zu löffeln.

„Wer war denn die Frau?"

„Wie meinst du das jetzt, Karl? - Wer unten lag? Die standen ..."

„Haha. Die Person in der Frauenkleidung."

„Keine Ahnung, aber der Clown war Eva, das weiß ich. Das Jahr davor war sie als Squaw verkleidet. Und die war weg, völlig hinüber, totale Ekstase. Nicht, dass sie rumgeschrien hätte oder so, nein, kein Ton, auch kein wildes Gerammele, stumm und fast bewegungslos, Kopf in den Nacken gelegt, Augen zu, Mund leicht offen, ich sag dir, ich war richtig neidisch, so was von Verzückung, Entrückung im Gesicht, boa äi, ich hab ne Gänsehaut gehabt, das hab ich mein Lebtag ..."

„Ist ja gut, Cutty, lass es sein, bitte."

„So was kriegt nicht jeder hin, ein Teufelskerl ..."

„Cutty, bitte!"

Sie lächelte, sah ihn an und kam auf die Erde zurück. Da machte Eva ein solches Geheimnis aus ihrer Faschingsaffäre, wurde krank darüber, zog ihn, Karl, wahrscheinlich nur mit den allergrößten Bedenken ins Vertrauen, dabei hatte sich garantiert die gesamte Mannschaft schon über Cuttys Schilderung amüsiert. Und die hatte sich gerade ein wenig anders angehört als Evas Version.

Cutty Sark, Karl wusste das, war der Name eines englischen Handelsschiffes, einer Gedichtzeile Robert Burns entnommen: Tam O’Shanter, who wore only a cutty sark: Tam O’Shanter, der nur ein kurzes Hemd getragen. Kurzes Hemd, das war doch eine Metapher für Armut, Sterntaler, aber deutlich voller sexueller Konnotationen, leicht zu haben, leicht zu nehmen.

So wie Cutty den Vorfall nun geschildert hat, dachte Karl, müsste er sich wahrhaftig keine Sorgen machen. Das konnte nur eine ganz banale Karnevalsaffäre gewesen sein. Dafür jedoch war Eva viel zu verstört, irgend etwas war nicht in Ordnung, etwas war ausgelöst worden, und ob ein Vorsatz dahinter steckte, also eine kriminelle Energie, war gar nicht entscheidend. Man musste heraus finden, warum Eva so reagierte. Karl stand auf, küsste Cutty auf die Wange, berührte mit seiner Nase das Piercing an ihrer, stellte fest, dass sie außerordentlich gut roch, und ging ins Verwaltungsgebäude, um dort seine Anfrage in Sachen Fotos anzupinnen.

Auf dem Weg zur Honda machte er einen Schlenker durch das Studio, in dem gerade der Drehbeginn der zweiten Staffel seiner Soap anstand. In zwei Tagen sollte in einem Meeting die Konturen der dritten Staffel besprochen werden, je länger eine Serie lief, je erfolgreicher sie war, umso schwieriger gestalteten sich diese Verhandlungen, weil jeder glaubte, ihm oder ihr sei der Erfolg zu verdanken und dementsprechend wuchsen auch die Begehrlichkeiten. Angefangen hatte es mit einer Drehbuchautorin Selma Löffler, die natürlich alle Lagerlöff nannten, wenn sie nicht dabei war. Später war Karl als Assistent dazu gekommen, Eva hatte ihn auf die Möglichkeit aufmerksam gemacht. Dann kam Freinersborder dazu als Supervisor, der aber selber nichts schrieb, Karl rückte gleichberechtigt neben Selma, und nun sollte beiden bald ein junger Autor zuarbeiten.

Es war ziemlich ruhig in der Halle, anscheinend waren die Vorbereitungen beendet und das Team in der Kantine, bevor die Dreharbeiten losgingen. Lediglich zwei Polen hämmerten an den Wänden herum. Der eine hätte der Statur und dem Alter nach in Karls Fahndungsraster gepasst, aber die beiden waren Fremd- oder Leiharbeiter und damals noch gar nicht hier. Karl wusste, dass es in Polen nicht nur hervorragende Stukkateure und Restaurateure gab sondern auch ebensolche Bühnenhandwerker. Auch von den Elektrikern war noch einer da, der seine Strippen zog und gelb-schwarze Signalbänder klebte.

„Dragan, wirst du heute nochmal fertig? Mach hin, Kerl!", klang es aus den Lautsprechern. Dragan machte in aller Ruhe weiter und zeigte den Stinkefinger, aber so, dass man es hinter der Scheibe des Stellwerks, von wo man ihn angeschnauzt hatte, nicht sehen konnte. Auch er war knapp 170 groß, war irgendwo in dem Alter „junger Mann".

Karl verließ die Halle und traf auf dem Flur Alex, die Produktionsassistentin. Blond, groß, in voller Montur: In den vollen Seitentaschen ihrer Cargo-Hose klickte etwas mit jedem energischen Schritt. Handy an der Hüfte, hinten den Sender, um den Hals Kopfhörer mit Mikro, Klippboard und Skript, Stoppuhr, Zigarette im Mundwinkel. Sie war blond und sauhübsch, hatte eine tolle Figur, sie war klug und beherrscht. Sie sah immer ungeheuer professionell aus, nach Großprojekt, Staudamm am Yangtse, Brücke über den Kanal oder Operation Wüstenfuchs.

„Sag mal, Alex, der Dragan, wie lange ist der eigentlich schon hier?"

„Hi, Karl. Der ist schon länger da als ich, also mindestens acht oder zehn Jahre."

„Der spricht gut deutsch, hört sich irgendwie nach Ruhrpott an."

„Ja, warum fragst du?"

„Ach, nur so, Alex, ich habe ihn gerade in der Halle gesehen."

„Was, die sollte doch längst fertig sein."

Sie ließ die Zigarette fallen und trat sie mit der Schuhspitze aus; natürlich war auch auf den Gängen das Rauchen verboten.

„Ja, ja, der ist in Duisburg geboren, Eltern Jugoslawen, also, das was damals Jugoslawen waren. Der war übrigens während des Bürgerkrieges ein Jahr oder anderthalb da unten, hat auf einer Seite, frag mich nicht auf welcher, mitgekämpft. Da macht er ein ganz großes Geheimnis draus. In dem Stil ‘Ihr habt ja alle keine Ahnung, was in der Welt wirklich los ist.’"

Was Alexandra nicht wusste, wusste niemand auf dem Gelände, nicht einmal Cutty. Sie steckte ihre Nase auch in die Personalakten, hatte ein Wörtchen mitzureden bei den Besetzungen und Einstellungen, was sie gewissermaßen unangreifbar machte.

„Ich muss weiter, Alex, toi, toi, toi."

„Toi, toi, toi: Wir sehen uns Donnerstag, Karl."

Sie dampfte ab in die Halle, während Karl ihr nachblickte. Ihr Arsch sah toll aus und ihr langes, blondes Haar wallte bei jedem Schritt. Hörte das denn nie auf, fragte er sich. Mit einem Schlag wurde ihm klar, dass er auf dem Gang stand, auf dem das passiert war, was Eva aus der Bahn geworfen hatte. Geheimnis des Ganges, Mythos auf dem Flur zwischen Halle und Garderoben, Toiletten und Maske, Requisite und Studio. War das Soap, sexuelle Fantasie oder schrille Realität?

Dann machte er sich gutgelaunt auf den Weg an den See. Das Wetter war immer noch perfekt. Gegen eins würde er da sein und viel Spaß mit seiner Familie haben. Normalerweise gingen die Girlies ja mit ihren jeweiligen Cliquen zu Schwimmen, aber einmal im Jahr fuhren sie noch gemeinsam an den See, was sicher bald ein Ende haben würde. Er konnte ein wenig die Ohren spitzen, Originaltöne Kids, Jargon aufzeichnen, das konnte er jetzt gut gebrauchen für die Serie. Eva wird hoffentlich, dachte Karl, mit ihrem Psychoanalytiker vorankommen und den Ursachen ihrer Krankheit auf der Spur sein.

© by Klaus-Dieter Regenbrecht, Koblenz 2003 * Jetzt bestellen!