|
Schreibspiel,
zweite Runde!
Und dazu der Beitrag
von von Detlef Amende
Dieter Wellershoff: Das Schimmern der Schlangenhaut - Frankfurter
Vorlesungen, FFM 1996, Fünfte Vorlesung, Information und Erzählung, Seite 113
ff.Zitat: In seinem
berühmten Essayband Der Gesang der Sirenen aus dem Jahre 1959 umkreist
Maurice Blanchot in wechselnden Perspektiven die Ursprungsfragen der Literatur,
am radikalsten gegen Ende des Buches, wo er unter dem Titel Der Tod des letzten Schriftstellers sich die Frage stellt, was geschehen würde, wenn eines Tages die
Stimme der Literatur für immer verstummte. (...) „Was würde sich daraus ergeben?
Doch wohl allem Anschein nach ein tiefes Schweigen."Das ist die Antwort, die man
vom common sense zu erwarten hat. Blanchot verblüfft uns mit der
entgegengesetzten These: Wenn das dichterische Wort verstummt, wird nicht Stille
herrschen, sondern ein Mangel an Stille und Schweigen. Wehrlos und pausenlos
werden wir dann das nichtige Geräusch hören, das die Welt macht. (...) „... ein
Reden: das redet und redet ohne Unterlaß, es ist so, als redete die Leere mit
einem leisen, eindringlichen, gleichgültigen Raunen, das sicher für alle genauso
klingt, das ohne Geheimnis ist und doch jeden in sich einschließt, ihn von den
anderen, von der Welt und von sich selber abtrennt ..."(...) Erkennbar bezieht
sich Blanchot hier auf die daseinsanalytische Beschreibung des „Geredes" und des
analogen „Geschreibes" in Heideggers Sinn und Zeit, wo es heißt, das
Gerede können weitgehend verstanden werden, „ohne daß
sich der Hörende in ein ursprünglich verstehendes Sein zum Worüber bringt. Man
versteht nicht so sehr das beredete Seiende, sondern man hört schon nur auf das
Geredete als solches. Dieses wird verstanden, das Worüber nur ungefähr, obenhin;
man meint dasselbe, weil man das Gesagte gemeinsam in derselben
Durchschnittlichkeit versteht.(...) Das Gerede, das jeder aufraffen kann,
entbindet nicht nur von der Aufgabe echten Verstehens, sondern bildet eine
indifferente Verständlichkeit aus, der nichts mehr verschlossen ist."(...) Blanchot geht es vor allem darum, vor dem imaginierten
Hintergrundrauschen eines unaufhörlichen, sich selbst verzehrenden Geredes, die
Literatur als Herstellung von Sinn im Schutzraum eines gestalteten, nach außen
abgegrenzten Werkes zu beschreiben. „Ein
Schriftsteller", so sagte er, „ist ein Mensch, der dieser Rede Schweigen gebietet, und ein
literarisches Werk ist für jeden, der einzudringen versteht, ein ergiebiges
Weilen in einer Stille, eine feste Schutzwehr und eine hohe Mauer gegen diese
redende Unermeßlichkeit, die auf uns einredet und uns dabei uns selbst abwendig
macht."
Aufgabe ist, einen Text zu
verfassen (Genre freigestellt; es könnte also auch ein Gedicht sein), der sich
mit einem oder beiden Themen beschäftigt. Maximal 700 Worte, sollte es sich um
den Anfang eines längeren Textes handeln, kann der Fortgang skizziert
werden.
Situation der Sprachen der Welt
(Februar 1999)
(lt. Untersuchung des Summer Institute
of Linguistics, USA):
Es gibt
51 Sprachen, die von nur noch einem
Menschen gesprochen werden
500 Sprachen mit weniger als 100 Sprechern
1.500 Sprachen mit weniger als 1.000
Sprechern
3.000 Sprachen mit weniger als 10.000
Sprechern
Alle vierzehn Tage stirbt eine der rund 6000 Sprachen
aus.
Nur Sprachen mit mind. 100.000
Sprechern sind einigermaßen überlebensfähig. 96 Prozent der Weltsprachen werden
von nur vier Prozent der Weltbevölkerung gesprochen (also: 96 Prozent der
Weltbevölkerung sprechen vier Prozent der
Weltsprachen).
Anregungen:
Vorstellbar wäre die Geschichte einer
Aborigine, die im Sterben liegt, mit deren Ableben eine Sprache und damit eine
uralte Kultur für immer verstummt sein wird. Ums Sterbebett versammelt Kinder,
Enkelkinder, die zu spät bereuen, die Sprache ihrer Vorfahren nicht erlernt zu
haben.
Eine Handvoll letzter Überlebender
einer winzigen Ethnie im Regenwald von Borneo. Zu verborgen, sich der Welt
mitzuteilen, von der sie gar nichts wissen, zu alt, sich
fortzupflanzen.
Ein Schriftsteller, der oder die
letzte, wird in einen Container gesperrt, Tag und Nacht beobachtet. Ihm/ihr
werden Drogen u.a. zugeführt, Dinge vorenthalten, um so herauszufinden, wie
Literatur entsteht, was passiert, wenn jemand Literatur schreibt. Das ginge
natürlich auch als Satire.
Man sollte sich ein paar Gedanken
darüber machen, wie man sprachlich darstellt, was eigentlich nicht darzustellen
ist. Knifflig, ich weiß. |