Als
Aschenputtel noch Sekretärin war
von Jana Beier
Johanna
hasste Montage. Sie
freute sich nie auf einen Arbeitstag, doch montags wurde sie regelmäßig von einem so starken Unwillen befallen, dass sie sich wünschte,
jemand anderes zu sein. Jemand, der einen tollen Job hatte, blendend
aussah und von allen bewundert wurde.
Jedes
mal presste sie ihren Kopf tief ins Kissen, ballte die Hände zu Fäusten
und wünschte sich inbrünstig ihr perfektes Leben herbei. Doch das war
sicher schon anderweitig vergeben. Seufzend kroch sie aus dem Bett, schlüpfte
ins Bad und duschte alle Wünsche weg. Sie sprühten davon und
verschwanden röchelnd im Abfluss.
Ihre
Kleidung lag schon bereit. Sie schlüpfte in die braune Hose, die helle
Bluse und die bequemen Schuhe. Noch ein schnelles Frühstück, der Bus würde
gleich kommen.
Eingequetscht
in die vorantreibende Menge schritt sie hastig voran. Wie von einem großen
Staubsauger wurden alle in das große silbergraue Gebäude gesogen.
Johanna hatte endlich die Treppe erreicht und schob sich mutig in die
große Drehtür.
Der
Pförtner übersah sie wie immer. Als graues Büromäuschen war man
allem Anschein nach unsichtbar. Ein guter Tipp für Terroristen, die das
Gebäude stürmen wollten. Verkleide dich als unscheinbare Tippse und
simsalabim, du bist drin! Johanna stellte sich kichernd vor, wie sie
wild schreiend ein Maschinengewehr aus der Handtasche zog. Ein Schubs
von einem eilenden Kollegen holte
sie jedoch schnell in die Realität zurück.
Männer in Anzügen und Frauen mit gefährlich aussehenden
Absatzschuhen drängten sie zur Seite, schubsten und schimpften. Gerade
als Johanna glaubte, eine Gasse durch das Gewühl gefunden zu haben,
stieß sie frontal mit einem großem Mann zusammen. Peng! Ihre Brille
verrutschte. Sie streckte haltsuchend einen Arm vor. Eine fremde Hand um
ihrem Ellbogen bewahrte sie vor einem Sturz. Johanna wollte
weiterhasten, was aber nicht ging, da die Hand sie noch immer umklammerte. Warum ließ der Typ sie nicht los?
„Hoppla!“ Erschrocken
schob sie ihre Brille wieder in die richtige Position. Vor ihr stand ein
unverschämt gutaussehender Mann und grinste, als ob er damit einen
Wettbewerb gewinnen wollte. Die Hand war immer noch da. „Könnten Sie
bitte meinen Arm loslassen!" Ihre blauen Augen blitzten wütend.
„Mmh...lassen
Sie mich mal überlegen.“ Jetzt wurde er auch noch frech! Unerhört!
Die Hand war immer noch da. Johanna ruckte an ihrem Arm, doch der
unmögliche Mensch ließ nicht los. Johanna zappelte wild herum, was mit
einem Lachen quittiert wurde. „Was ist, wollen Sie für immer mit mir
hier stehen bleiben?“ Johanna platzte fast vor Wut. „Warum nicht?“
Sein vergnügliches Lächeln ließ ihre Augen zu Schlitzen werden.
„Weil ich gleich einen Schrei loslassen werde, der alle Rekorde
bricht!“
Demonstrativ
holte sie tief Luft. Sofort war die Hand weg. Das vergnügliche Lächeln
auch. Aha. Johanna atmete aus. Der fröhliche Blick war unsicher
geworden.“ Was fällt Ihnen eigentlich ein!?“ Jetzt guckte er betreten. Das hatte er verdient. Johanna hob
ihr Kinn, so hoch sie konnte, und marschierte entschlossen weiter.
Hinter sich hörte sie plötzlich ein Lachen.
Na
toll. Sollte er doch lachen. In
dem riesigen Gebäude war es eher unwahrscheinlich, dass sie ihm noch
mal begegnete. Und wenn doch, würde er sie sicher nicht wiedererkennen. Schließlich
gehörte sie zu den Unsichtbaren. Er sicher nicht, so wie der aussah. Der
Typ Mann, den sie immer nur seufzend auf Werbeplakaten anhimmelte. Und
dieses Lächeln! Wenn er nur nicht gerade über sie gelacht hätte!
Johanna presste bei der Erinnerung die Lippen fest zusammen. Ihre
Schritte wurden größer.
Der
musste bestimmt nicht in einem Vorzimmer die langweiligste Arbeit der
Welt machen und ein Ekelpaket von Chef erdulden. Sie biss die
Lippen zusammen und schlüpfte ins Büro.
„Frau
Kummer!“ Das Ekelpaket lugte durch die Tür. „Da sind Sie ja
endlich!“ Missbilligend blickte
er sie an. "Sie sind die unpünktlichste Person der Welt.“
Johanna
schielte unauffällig zur Uhr. Eine viertel
Stunde vor Arbeitsbeginn. Sie seufzte leise.
„Jetzt
machen Sie schon. Wo bleibt der Kaffee!“ Seine Augenbrauen zogen sich
bis zum Haaransatz. „Sie sind die unfähigste Person, die ich
kenne.“
Sie
sauste zur Kaffeemaschine. „Frau Kummer!“ Sie eilte zurück
.“Haben Sie meine Mappe mit den
neuen Entwürfen fertiggemacht? Sie wissen, der Prinz kommt morgen.“
„Der Prinz ?“, wiederholte sie erstaunt. Das Chefgesicht wurde rot.
„Sie hat es vergessen!“, er schniefte wütend.
“Sie
sind die vergesslichste Person, mir je begegnet ist!“
Johanna
stellte sich vor, wie kleine Qualmwölkchen aus seinen Ohren kamen. Sie
musste kichern. Rot wurde zu dunkelrot. „Unterstehen Sie sich zu lachen.
Sie sind die frechste Person überhaupt.“
Die
Qualmwolken verdichteten sich. Johanna biss sich auf die Lippe. Das
Kichern dauerte an. Johanna blickte erstaunt durchs Büro. Auf dem
Blumentopf saß ein Kobold und lachte. Johannas Augen wurden groß.
Jetzt drehte sie durch! Der Kobold hatte grüne Haare und lustige
Sommersprossen. Oh Mann, wenn der Chef den sah!
„Frau
Kummer!“ Sie blickte schnell weg vom Blumentopf. „Hören Sie mir
zu!“ Der Kobold sprang auf den Schreibtisch und streckte dem Chef die
Zunge raus. Johanna zuckte
zusammen.
„Sie
ordnen die Entwürfe, machen die Mappe mit den Entwürfen
fertig! Es muss alles perfekt sein. Wer dem Prinzen die besten
Entwürfe präsentiert, hat es geschafft.“ Er marschierte durchs Büro,
von einer Seite zur anderen. Der Kobold hinterher. Eins, zwei, eins,
zwei. Der Chef fuhr fort: „Meine sind die besten. Ich bin ganz
sicher.“ Er blieb stehen. Der Kobold auch. Er zwinkerte ihr verschwörerisch
zu. Sie zwinkerte automatisch zurück.
Der Chef blickte sie irritiert an.
„Jetzt
machen Sie schon, Sie dumme Person!“ Der
Kobold zwickte den Chef in die Wade.
Jaja,
der Prinz kam. Natürlich kein richtiger. Aber immerhin der Sohn des
Modekönigs. Ihm gehörte die große Firma, die langbeinigen Models und
das Ekelpaket. Er hatte die dicke Kohle. Morgen würden die neuen
Modelle der Saison ausgewählt und am Samstag fand die große Jubiläumsparty
statt. Auf der
wurde der beste Designer ausgezeichnet.
Johanna
dachte an den jungen Mann. Ob der auch ein Designer war?
Sie
ordnete die Entwürfe. Der Chef würde kaum gewinnen.
Sie fand die Entwürfe ziemlich langweilig. In ihrer Schublade zu
Hause lagen auch welche. Ihre eigenen. An den langen Sonntagnachmittagen
hatte sie sie zusammengesponnen. Aber
das ging niemanden etwas an. Sie seufzte und hoffte, dass der Tag
schnell vorbeiging.
In
der Nacht schlief sie unruhig. Der Kobold schlich sich in ihre Träume
und kicherte unentwegt. Der Chef hatte grüne Haare und wollte ihre Entwürfe
stehlen.
Schweißgebadet
wachte sie auf. Schlaftrunken kroch sie aus dem Bett und schlurfte in
die Küche, um ein Glas Wasser zu trinken. Auf dem Tisch lagen Papier
und Stift, die sie immer zum Zeichnen benutzte. Keine Ahnung, warum die
da lagen. Einer plötzlichen Eingebung folgend, nahm sie den Stift und
begann zu zeichnen. Ein kurzes Kleid mit gewagtem Schnitt und hohen
Schuhen. Dazu kam ein flotter Seidenschal. Schnell war sie fertig.
Jetzt
kam auch die Müdigkeit zurück. Sie schlüpfte zurück ins Bett und
kuschelte sich tief hinein. Als sie die Augen schloss, glaubte sie
irgendwo entfernt ein Kichern zu hören. Sie zog die Decke bis zum Kinn
und presste die Augen zu. Fünf Minuten später
klingelte der Wecker.
Als
sie aus dem Bad kam, konnte sie ihre Kleider nicht finden. Sie lagen auf
dem falschen Stuhl. Merkwürdig.
Sie angelte danach
und hatte plötzlich ein Paar hauchdünne Seidenstrümpfe in der Hand.
Du liebe Güte, wo kamen die denn her? Und wo waren ihre Hosen und
die Bluse? Statt dessen lagen hier ein eng geschnittenes Kleid und ein blauer Seidenschal. Die Kleidungsstücke kamen ihr
seltsam vertraut vor. Dann erstarrte sie.
Es
waren ihre Entwürfe. Eindeutig. Sogar die Farben stimmten. Johanna
wurde ganz schlecht. Sie hastete in die Küche, wo ihr Werk von heute Nacht
lag. Das Papier war leer. Als wären die Sachen direkt vom Papier auf
den Stuhl geschwebt. Und wo waren die Sachen, die sie gestern Abend
bereitgelegt hatte?
Zittern
öffnete sie die Schranktür und riss entsetzt die Augen auf. Leer. All
ihre Kleidung war weg. Meine Güte!
Sie
hatte die Wahl. Entweder ging sie im
Madonna-Outfit oder splitterfasernackt. Johanna griff zögerlich nach
dem Kleid. So etwas hatte sie nie besessen. Sie schlüpfte hinein. Es passte
wie angegossen.
Jetzt
noch schnell das Haar hochgesteckt. Kein einziger Haargummi im Bad.
Mist! Dann musste es heute mal so gehen. Ein flüchtiger Blick auf die
Uhr und sie sprang keuchend zur Tür. Erst die Kälte an ihren Füßen
erinnerte sie an ihre Schuhe. Auch diese hatten eine beeindruckende
Wandlung gemacht. Sie waren mindestens zehn Zentimeter hoch und glänzten
silbern. Johanna schnappte sie und rannte los.
Die
Leute schüttelten den Kopf, als eine elegant gekleidete Frau wie eine
Verrückte den Bus stürmte. Der Busfahrer guckte unverschämt. Auf
seiner Schulter saß der Kobold und strahlte sie an. Er hob den Daumen
und pfiff anerkennend. Johanna ließ sich verstört auf einen der Sitze
fallen.
Der
Pförtner grüßte sie freundlich, als sie gekonnt an ihm vorbeistöckelte.
Die Kollegen machten ihr höflich Platz. Manche blieben stehen
und grüßten sie unsicher. Das konnte ja heiter werden! Johanna schlich
ins Büro und holte die Präsentationsmappe aus dem Fach.
„Frau
Kummer!“ Aha, er lauerte bereits. „Frau
Kummer, wo ...Oh, entschuldigen Sie bitte.“ Der Chef staunte sie an.
„Haben Sie sich in der Tür geirrt?“
Das
gab es nicht Er erkannte sie nicht!
„Aber
ich...“, begann sie. Doch da sah sie den Kobold. Er saß auf dem
Chefkopf, hatte einen Finger auf
seine Lippen gelegt. Sie schwieg verunsichert.
„Sie
wollen sicher zur Präsentation! Kommen Sie bitte hier entlang!“ Er überschlug
sich förmlich. Hilflos folgte sie ihm. Er geleitete sie in den
Versammlungsraum und ließ sie dort allein. „Ich muss nach meiner
Sekretärin suchen, eine furchtbare Person!“
Hinter
ihm schoben sich die ersten Teilnehmer zur Tür hinein. Johanna glitt in
einen großen, grünen Sessel und schloss die Augen. Als
sie Stimmengewirr hörte, öffnete sie diese jedoch wieder. Was sollte
sie bloß tun? Sie konnte schlecht die Entwürfe des Chefs vorstellen.
Außerdem suchte der sie schon überall.
Der
Raum füllte sich. Johanna kroch tiefer in den Sessel. Da kam auch schon
der Prinz mit seinem Gefolge. Man erkannte ihn an der Traube von
mappentragenden Modewichtigen, die ihn umgab. Johanna richtete sich
kerzengrade auf. Der junge Geschäftsmann von gestern morgen. Er war der
Prinz. Johanna kniff die Augen zu und öffnete sie sofort wieder. Er war
es immer noch. Auch das noch! Wenn der sie erkannte! Johanna linste zur
Tür. Sie wurde gerade geschlossen.
Der
junge Mann begrüßte die Anwesenden fröhlich und eröffnete die Präsentation.
Nach und nach stellte jeder seine Entwürfe vor. Diese wurden
begutachtet, kritisiert und verworfen. Immer mehr und mehr. Die gute
Laune des Prinzen marschierte mit großen Schritten zur Tür hinaus.
Gleich
war Johanna an der Reihe. Die Chefentwürfe waren miserabel. Sie hob das
Deckblatt und linste in die Mappe. Es war ihre Arbeit. Das
Werk einer Hobbydesignerin. Du liebe Güte. Wie kamen die bloß
da rein?
„Bitte
schön!“ Sie war jetzt dran. Johanna versuchte, die Fassung zu
bewahren, während der Prinz überlegte, wo er diese blauen Augen schon
mal gesehen hatte. Sie erhob sich aus dem Sessel. Jetzt musste sie die
Wahrheit sagen. Da erblickte sie den Kobold. Er saß neben dem Prinzen
und runzelte die Stirn. „Ich...“, begann sie.
Der
Kobold stand auf und stützte die Hände in die Seiten.
Johanna
holte tief Luft. „Ich möchte Ihnen zuerst diese Kreation
vorstellen...“ Der Kobold setzte sich erleichtert.
Nachdem
Johanna geendet hatte, war es totenstill. Der Kobold blickte sich empört
um. Ohrenbetäubender Applaus setzte ein. Der Kobold nickte zufrieden.
„Phantastisch!“
lächelte der Prinz. „Ich habe schon gedacht, wir müssen diese Saison
pausieren. Und wer sind Sie bitte...?“
Oh
Mist, was sollte sie jetzt sagen? Sie hatte vor lauter Präsentieren
ganz vergessen, dass sie gar nicht hierher gehörte. Der Prinz blickte
erwartungsvoll. Der Kobold war nicht zu sehen. Johanna spürte, wie sie
rot wurde. „Oh, es ist ein Geheimnis.“ Der Prinz nickte verständnisvoll.
Johanna nickte automatisch mit. „Dann lüften Sie es am Samstag
auf meiner Party. Ich freue mich schon darauf.“ Johanna zwang
sich zu einem Lächeln. Sie freute sich auch. Und wie.
Der
Prinz lächelte sie immer noch an. Johanna nickte und bückte sich nach
ihrer Tasche, der Prinz leider auch. Sie rempelten aneinander und
Johanna taumelte zurück. Geistesgegenwärtig griff der Prinz nach ihrem
Ellbogen.
„Vorsicht...!“
Dann zog er die Augenbrauen hoch und runzelte die Stirn. „Moment
mal...“ Johanna machte, dass sie wegkam.
Der
Prinz ging zögernd zur Tür und schaute ihr
nach. Wirklich seltsam. Ihm
fielen die blauen Augen der
kleinen Sekretärin von heute morgen ein. Die hatten ihn ganz schön
beeindruckt. Außerdem waren sie völlig identisch mit denen, in die er
soeben geblickt hatte. Das konnte kein Zufall sein. „Na, warte",
dachte er lächelnd.
Johanna
raste zum Bus und warf sich völlig außer Atem auf einen der
schmuddeligen Sitze. Ob er
sie erkannt hatte? Natürlich hatte er sie erkannt. Warum musste sie
sich auch so dämlich anstellen! Zweimal mit dem selben Mann
zusammenzustoßen! Das konnte auch nur ihr passieren. Seufzend lehnte
sie sich zurück. Der Kobold neben ihr seufzte auch.
Johanna
sah ihn vorwurfsvoll an, doch er zuckte nur mit den Schultern und lächelte.
Johanna war nicht zum Lächeln.
Am
nächsten Morgen erfuhr sie, dass sie fristlos entlassen war. Aber nicht
vom Prinzen. Oh nein. Das Ekelpaket, das gestern vergeblich nach ihr und
der Mappe gesucht hatte, wollte sie los sein. Die Eiseskälte im Büro
traf sie schon an der Tür. Leise schlüpfte sie hinein. Der Chef
erwartete sie bereits. Seine Augenbrauen standen auf Hochmast. Johanna
seufzte.
Doch
es kam zu keinen großen
Diskussionen. „Frau Kummer, Sie sind die unnötigste Person auf
der ganzen Welt. Gehen Sie.“
Mit
hängenden Schultern schlurfte sie zum Schreibtisch, um ihren Krempel
einzupacken. Das Telefon läutete. Aber sie ging nicht ran, sie war ja
entlassen.
Nebenan
hörte sie das Ekelpaket aufgebracht in den Hörer flüstern. Dann wurde
das Flüstern zum wütenden Zischen. Johanna spitzte die Ohren, konnte
aber nichts verstehen. Zisch, zisch, murmel, murmel. Seit wann führte
der Chef geheime Flüstergespräche? Aber das brauchte sie nicht mehr zu
interessieren.
Plötzlich
öffnete sich die Cheftür und das Ekelpaket stampfte herein. „Ich
habe es mir anders überlegt. Sie bekommen noch eine letzte Chance.
Jetzt starren Sie nicht so!“ Johanna starrte trotzdem. Was war mit dem
Chef los? Endlich durfte er sie rausschmeißen und nun konnte er sich
nicht von ihr trennen.
„Gehen
Sie wieder an Ihren Schreibtisch. Morgen begleiten Sie mich auf die
Party. Als meine Assistentin. Ich hoffe, Sie haben etwas Passendes zum
Anziehen.“ Johannas Augen wurden riesig. Sie wusste nicht, was sie
dazu sagen sollte. Das war ungeheuerlich! Sie und der Chef auf der
Party! Das konnte nur in einer Katastrophe enden.
„Aber...“,
begann sie. „Kein aber. Ich hole Sie um acht Uhr ab. Das ist eine
dienstliche Anordnung. Und jetzt an die Arbeit!“ Die Cheftür rumste
ins Schloss und Johanna auf ihren Stuhl. Na toll!
Samstag
Nachmittag. Johanna saß an ihrer Nähmaschine und nähte wie eine
Besessene. Heute Abend musste das Kleid fertig sein, sonst musste sie im
braunen Bürokostüm anrücken. Der Chef wäre sicher wenig begeistert.
Sie
steckte ab, fädelte und trat kräftig auf das Pedal. Rattatta,
Rattatta. Johanna
schwitzte. Sie hörte die Uhrzeit im Radio und ratterte noch lauter. Und
schwitzte noch mehr. Jetzt ein Glas Wasser. Sie sauste in die Küche und
trank gleich aus der Flasche, um nicht noch mehr Zeit zu verlieren. Als
sie wieder zur Nähmaschine wollte, war die Tür zu. Sie rüttelte an
der Tür. Drinnen hörte sie ein Kichern. Johanna rüttelte und rüttelte.
Sie hörte das Rattern der Nähmaschine. Du großer Schreck. In Gedanken
sah sie ihr Kleid schon als formlosen Klumpen durchs Wohnzimmer wirbeln.
Sie trat verzweifelt gegen die Tür.
Stille
im Wohnzimmer. Die Tür sprang auf. Johanna sauste hinein. Vor ihr lag
das Kleid. Es war fertig.
Die
Kinnlade des Chefs knallte auf das Lenkrad, als Johanna aus der Tür
schwebte.
Sie trug ein silbernes Kleid. Das wild um ihre langen Beine flatterte.
Die hohen durchsichtigen Schuhe und der zartblaue Umhang gaben ihr ein
elfisches Aussehen. Ihr langes Haar schimmerte seidig.
Johanna
schritt zum Wagen. „Starren Sie nicht so!“, säuselte sie, bevor sie
in übermütiges Lachen ausbrach. Der Chef trat aufs Gaspedal und sie
sausten los.
Schon
in der Eingangshalle sah sie den Prinzen stehen. Gleich würde er sie
bemerken. Johanna zog unbewusst die Schultern hoch. Aber nichts geschah.
Sie blinzelte erleichtert durch den Saal. Der Chef geleitete sie zu
einem der kleinen runden Tische. Er sagte nicht besonders viel.
Nach
ein paar besonders langweiligen Reden wurde das Essen aufgetischt.
Wahnsinn! Johanna hatte noch nie solche Berge von Leckereien gesehen.
Beherzt griff sie zu. Zwischendurch schaute sie immer wieder unauffällig
zum Prinzen, doch der hatte sie längst vergessen.
Als
sie gerade genüsslich an einem Hähnchen knabberte, sah sie den Kobold.
Er saß auf der Schulter des Prinzen und lächelte ihr zu. Johanna fiel
das Hähnchen in die Soße.
Dann
erklang fröhliche Tanzmusik. Die Paare glitten über die Tanzfläche.
Neben ihr räusperte sich der Chef, lächelte sie an und machte
Anstalten aufzustehen. Erschrocken griff Johanna nach ihrem Glas und
trank, als ob sie kurz vorm Verdursten wäre. Es half nichts, der Chef tänzelte
herüber. Johanna überlegte verzweifelt, was sie tun sollte. Da ergriff
jemand ihre Hand und zog sie ohne Umschweife mit sich.
Johanna
fand sich in der Umarmung des Prinzen wieder und klammerte verzweifelt.
Doch er lächelte und drehte Runde um Runde. Da entspannte sie sich
etwas. Der Prinz sagte nichts, sah sie immer nur an. Hatte der Augen!
Ein
Song folgte dem nächsten und sie tanzten immer noch. Der Prinz ließ
Johanna keine Gelegenheit, zu entwischen.
Irgendwann
wollte sie das auch nicht mehr und schwebte selig mit ihm dahin. Zum Glück
wollte er sich nicht unterhalten.
Schließlich
führte er sie zu ihrem Platz. Verträumt lächelte sie ihm zu. Plötzlich
wurde es still im Saal. Alle Blicke richteten sich auf die Bühne. Dort
stand ein kleiner Mann im schwarzen Anzug. Johanna lächelte verträumt
zu ihm hinauf.
„Und
nun folgt die Bekanntgabe des besten Designers der Saison!" Johanna
lächelte immer noch. „Es ist... Frau Johanna Kummer.“
Johanna
erstarrte. Ein Scheinwerfer wurde auf sie gerichtet. Der Prinz zog sie
wieder vom Stuhl. Der ganze Saal klatschte. Johanna lächelte gequält.
„Darf
ich vorstellen...!“ Sie wurde herumgewirbelt und allen präsentiert.
„Aber
ich bin doch nur...!“ begann sie verzweifelt. „Psst, das war
einmal“, unterbrach sie der Prinz und zwinkerte ihr verschwörerisch zu. Johanna machte große
Augen. Dann verstand sie endlich. Ihr wurde ganz warm.
Die
Hand des Prinzen verschwand in ihrer und zusammen schritten sie von der
Bühne.
Auf
einem Stuhl saß ein Kobold und kaute vergnügt an einem Hühnerbein.
©
Jana Beier, Koblenz 2001
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