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Klaus-Dieter Regenbrecht


Das gemeinsame Projekt der Schreibwerkstatt (VHS Koblenz, Herbst 2000),
Märchen im neuen Gewand
Kursleitung und Internet-Realisation: Klaus-Dieter Regenbrecht

 

Als  Aschenputtel noch Sekretärin war
 
von Jana Beier 

Johanna hasste Montage. Sie freute sich nie auf einen Arbeitstag, doch montags wurde sie regelmäßig von einem so starken Unwillen befallen, dass sie sich wünschte, jemand anderes zu sein. Jemand, der einen tollen Job hatte, blendend aussah und von allen bewundert wurde.

Jedes mal presste sie ihren Kopf tief ins Kissen, ballte die Hände zu Fäusten und wünschte sich inbrünstig ihr perfektes Leben herbei. Doch das war sicher schon anderweitig vergeben. Seufzend kroch sie aus dem Bett, schlüpfte ins Bad und duschte alle Wünsche weg. Sie sprühten davon und verschwanden röchelnd im Abfluss.

Ihre Kleidung lag schon bereit. Sie schlüpfte in die braune Hose, die helle Bluse und die bequemen Schuhe. Noch ein schnelles Frühstück, der Bus würde gleich kommen.

Eingequetscht in die vorantreibende Menge schritt sie hastig voran. Wie von einem großen Staubsauger wurden alle in das große silbergraue Gebäude gesogen. Johanna hatte endlich die Treppe erreicht und schob sich mutig in die große Drehtür.

Der Pförtner übersah sie wie immer. Als graues Büromäuschen war man allem Anschein nach unsichtbar. Ein guter Tipp für Terroristen, die das Gebäude stürmen wollten. Verkleide dich als unscheinbare Tippse und simsalabim, du bist drin! Johanna stellte sich kichernd vor, wie sie wild schreiend ein Maschinengewehr aus der Handtasche zog. Ein Schubs von einem eilenden Kollegen holte sie jedoch schnell in die Realität zurück.

Männer in Anzügen und Frauen mit gefährlich aussehenden Absatzschuhen drängten sie zur Seite, schubsten und schimpften. Gerade als Johanna glaubte, eine Gasse durch das Gewühl gefunden zu haben, stieß sie frontal mit einem großem Mann zusammen. Peng! Ihre Brille verrutschte. Sie streckte haltsuchend einen Arm vor. Eine fremde Hand um ihrem Ellbogen bewahrte sie vor einem Sturz. Johanna wollte weiterhasten, was aber nicht ging, da die Hand sie noch immer umklammerte. Warum ließ der Typ sie nicht los? „Hoppla!“  Erschrocken schob sie ihre Brille wieder in die richtige Position. Vor ihr stand ein unverschämt gutaussehender Mann und grinste, als ob er damit einen Wettbewerb gewinnen wollte. Die Hand war immer noch da. „Könnten Sie bitte meinen Arm loslassen!" Ihre blauen Augen blitzten wütend.

„Mmh...lassen Sie mich mal überlegen.“ Jetzt wurde er auch noch frech! Unerhört!  Die Hand war immer noch da. Johanna ruckte an ihrem Arm, doch der unmögliche Mensch ließ nicht los. Johanna zappelte wild herum, was mit einem Lachen quittiert wurde. „Was ist, wollen Sie für immer mit mir hier stehen bleiben?“ Johanna platzte fast vor Wut. „Warum nicht?“ Sein vergnügliches Lächeln ließ ihre Augen zu Schlitzen werden. „Weil ich gleich einen Schrei loslassen werde, der alle Rekorde bricht!“

Demonstrativ holte sie tief Luft. Sofort war die Hand weg. Das vergnügliche Lächeln auch. Aha. Johanna atmete aus. Der fröhliche Blick war unsicher geworden.“ Was fällt Ihnen eigentlich ein!?“ Jetzt guckte er betreten. Das hatte er verdient. Johanna hob ihr Kinn, so hoch sie konnte, und marschierte entschlossen weiter. Hinter sich hörte sie plötzlich ein Lachen.

Na toll. Sollte er doch lachen. In dem riesigen Gebäude war es eher unwahrscheinlich, dass sie ihm noch mal begegnete. Und wenn doch, würde er sie sicher nicht wiedererkennen. Schließlich gehörte sie zu den Unsichtbaren. Er sicher nicht, so wie der aussah. Der Typ Mann, den sie immer nur seufzend auf Werbeplakaten anhimmelte. Und dieses Lächeln! Wenn er nur nicht gerade über sie gelacht hätte! Johanna presste bei der Erinnerung die Lippen fest zusammen. Ihre Schritte wurden größer.

Der musste bestimmt nicht in einem Vorzimmer die langweiligste Arbeit der Welt machen und ein Ekelpaket von Chef erdulden.  Sie biss die Lippen zusammen und schlüpfte ins Büro.

 „Frau Kummer!“ Das Ekelpaket lugte durch die Tür. „Da sind Sie ja endlich!“ Missbilligend blickte er sie an. "Sie sind die unpünktlichste Person der Welt.“

Johanna schielte unauffällig zur Uhr. Eine viertel Stunde vor Arbeitsbeginn. Sie seufzte leise.

„Jetzt machen Sie schon. Wo bleibt der Kaffee!“ Seine Augenbrauen zogen sich bis zum Haaransatz. „Sie sind die unfähigste Person, die ich kenne.“

Sie sauste zur Kaffeemaschine. „Frau Kummer!“ Sie eilte zurück .“Haben Sie meine Mappe mit den neuen Entwürfen fertiggemacht? Sie wissen, der Prinz kommt morgen.“ „Der Prinz ?“, wiederholte sie erstaunt. Das Chefgesicht wurde rot. „Sie hat es vergessen!“, er schniefte wütend.

“Sie sind die vergesslichste Person, mir je begegnet ist!“ 

Johanna stellte sich vor, wie kleine Qualmwölkchen aus seinen Ohren kamen. Sie musste kichern. Rot wurde zu dunkelrot. „Unterstehen Sie sich zu lachen. Sie sind die frechste Person überhaupt.“

Die Qualmwolken verdichteten sich. Johanna biss sich auf die Lippe. Das Kichern dauerte an. Johanna blickte erstaunt durchs Büro. Auf dem  Blumentopf saß ein Kobold und lachte. Johannas Augen wurden groß. Jetzt drehte sie durch! Der Kobold hatte grüne Haare und lustige Sommersprossen. Oh Mann, wenn der Chef den sah!

„Frau Kummer!“ Sie blickte schnell weg vom Blumentopf. „Hören Sie mir zu!“ Der Kobold sprang auf den Schreibtisch und streckte dem Chef die Zunge raus. Johanna  zuckte zusammen.

„Sie ordnen die Entwürfe, machen die Mappe mit den Entwürfen fertig! Es muss alles perfekt sein. Wer dem Prinzen die besten Entwürfe präsentiert, hat es geschafft.“ Er marschierte durchs Büro, von einer Seite zur anderen. Der Kobold hinterher. Eins, zwei, eins, zwei. Der Chef fuhr fort: „Meine sind die besten. Ich bin ganz sicher.“ Er blieb stehen. Der Kobold auch. Er zwinkerte ihr verschwörerisch zu. Sie zwinkerte automatisch zurück. Der Chef blickte sie irritiert an.

„Jetzt machen Sie schon, Sie dumme Person!“ Der  Kobold zwickte den Chef in die Wade.

Jaja, der Prinz kam. Natürlich kein richtiger. Aber immerhin der Sohn des Modekönigs. Ihm gehörte die große Firma, die langbeinigen Models und das Ekelpaket. Er hatte die dicke Kohle. Morgen würden die neuen Modelle der Saison ausgewählt und am Samstag fand die große Jubiläumsparty statt. Auf  der wurde der beste Designer ausgezeichnet.

Johanna dachte an den jungen Mann. Ob der auch ein Designer war?

Sie ordnete die Entwürfe. Der Chef würde kaum gewinnen. Sie fand die Entwürfe ziemlich langweilig. In ihrer Schublade zu Hause lagen auch welche. Ihre eigenen. An den langen Sonntagnachmittagen hatte sie sie zusammengesponnen. Aber das ging niemanden etwas an. Sie seufzte und hoffte, dass der Tag schnell vorbeiging.

In der Nacht schlief sie unruhig. Der Kobold schlich sich in ihre Träume und kicherte unentwegt. Der Chef hatte grüne Haare und wollte ihre Entwürfe stehlen.

Schweißgebadet wachte sie auf. Schlaftrunken kroch sie aus dem Bett und schlurfte in die Küche, um ein Glas Wasser zu trinken. Auf dem Tisch lagen Papier und Stift, die sie immer zum Zeichnen benutzte. Keine Ahnung, warum die da lagen. Einer plötzlichen Eingebung folgend, nahm sie den Stift und begann zu zeichnen. Ein kurzes Kleid mit gewagtem Schnitt und hohen Schuhen. Dazu kam ein flotter Seidenschal. Schnell war sie fertig.

Jetzt kam auch die Müdigkeit zurück. Sie schlüpfte zurück ins Bett und kuschelte sich tief hinein. Als sie die Augen schloss, glaubte sie irgendwo entfernt ein Kichern zu hören. Sie zog die Decke bis zum Kinn und presste die Augen zu. Fünf Minuten später klingelte der Wecker.

Als sie aus dem Bad kam, konnte sie ihre Kleider nicht finden. Sie lagen auf dem falschen Stuhl. Merkwürdig.

Sie angelte danach und hatte plötzlich ein Paar hauchdünne Seidenstrümpfe in der Hand. Du liebe Güte, wo kamen die denn her? Und wo waren ihre Hosen und  die Bluse? Statt dessen lagen hier ein eng geschnittenes Kleid und ein blauer Seidenschal. Die Kleidungsstücke kamen ihr seltsam vertraut vor. Dann erstarrte sie.

Es waren ihre Entwürfe. Eindeutig. Sogar die Farben stimmten. Johanna wurde ganz schlecht. Sie hastete in die Küche, wo ihr Werk von heute Nacht lag. Das Papier war leer. Als wären die Sachen direkt vom Papier auf den Stuhl geschwebt. Und wo waren die Sachen, die sie gestern Abend bereitgelegt hatte? 

Zittern öffnete sie die Schranktür und riss entsetzt die Augen auf. Leer. All ihre Kleidung war weg. Meine Güte!

Sie hatte die Wahl. Entweder ging sie im Madonna-Outfit oder splitterfasernackt. Johanna griff zögerlich nach dem Kleid. So etwas hatte sie nie besessen. Sie schlüpfte hinein. Es passte wie angegossen. 

Jetzt noch schnell das Haar hochgesteckt. Kein einziger Haargummi im Bad. Mist! Dann musste es heute mal so gehen. Ein flüchtiger Blick auf die Uhr und sie sprang keuchend zur Tür. Erst die Kälte an ihren Füßen erinnerte sie an ihre Schuhe. Auch diese hatten eine beeindruckende Wandlung gemacht. Sie waren mindestens zehn Zentimeter hoch und glänzten silbern. Johanna schnappte sie und rannte los. 

Die Leute schüttelten den Kopf, als eine elegant gekleidete Frau wie eine Verrückte den Bus stürmte. Der Busfahrer guckte unverschämt. Auf seiner Schulter saß der Kobold und strahlte sie an. Er hob den Daumen und pfiff anerkennend. Johanna ließ sich verstört auf einen der Sitze fallen.

Der Pförtner grüßte sie freundlich, als sie gekonnt an ihm vorbeistöckelte. Die Kollegen machten ihr höflich Platz. Manche blieben stehen und grüßten sie unsicher. Das konnte ja heiter werden! Johanna schlich ins Büro und holte die Präsentationsmappe aus dem Fach. 

„Frau Kummer!“ Aha, er lauerte bereits. „Frau Kummer, wo ...Oh, entschuldigen Sie bitte.“ Der Chef staunte sie an. „Haben Sie sich in der Tür geirrt?“

Das gab es nicht Er erkannte sie nicht!

„Aber ich...“, begann sie. Doch da sah sie den Kobold. Er saß auf dem Chefkopf, hatte einen Finger auf seine Lippen gelegt. Sie schwieg verunsichert.

„Sie wollen sicher zur Präsentation! Kommen Sie bitte hier entlang!“ Er überschlug sich förmlich. Hilflos folgte sie ihm. Er geleitete sie in den Versammlungsraum und ließ sie dort allein. „Ich muss nach meiner Sekretärin suchen, eine furchtbare Person!“

Hinter ihm schoben sich die ersten Teilnehmer zur Tür hinein. Johanna glitt in einen großen, grünen Sessel und schloss die Augen. Als sie Stimmengewirr hörte, öffnete sie diese jedoch wieder. Was sollte sie bloß tun? Sie konnte schlecht die Entwürfe des Chefs vorstellen. Außerdem suchte der sie schon überall.

Der Raum füllte sich. Johanna kroch tiefer in den Sessel. Da kam auch schon der Prinz mit seinem Gefolge. Man erkannte ihn an der Traube von mappentragenden Modewichtigen, die ihn umgab. Johanna richtete sich kerzengrade auf. Der junge Geschäftsmann von gestern morgen. Er war der Prinz. Johanna kniff die Augen zu und öffnete sie sofort wieder. Er war es immer noch. Auch das noch! Wenn der sie erkannte! Johanna linste zur Tür. Sie wurde gerade geschlossen.

Der junge Mann begrüßte die Anwesenden fröhlich und eröffnete die Präsentation. Nach und nach stellte jeder seine Entwürfe vor. Diese wurden begutachtet, kritisiert und verworfen. Immer mehr und mehr. Die gute Laune des Prinzen marschierte mit großen Schritten zur Tür hinaus.

Gleich war Johanna an der Reihe. Die Chefentwürfe waren miserabel. Sie hob das Deckblatt und linste in die Mappe. Es war ihre Arbeit. Das  Werk einer Hobbydesignerin. Du liebe Güte. Wie kamen die bloß da rein?

„Bitte schön!“ Sie war jetzt dran. Johanna versuchte, die Fassung zu bewahren, während der Prinz überlegte, wo er diese blauen Augen schon mal gesehen hatte. Sie erhob sich aus dem Sessel. Jetzt musste sie die Wahrheit sagen. Da erblickte sie den Kobold. Er saß neben dem Prinzen und runzelte die Stirn. „Ich...“, begann sie.

Der Kobold stand auf und stützte die Hände in die Seiten.

Johanna holte tief Luft. „Ich möchte Ihnen zuerst diese Kreation vorstellen...“ Der Kobold setzte sich erleichtert.

Nachdem Johanna geendet hatte, war es totenstill. Der Kobold blickte sich empört um. Ohrenbetäubender Applaus setzte ein. Der Kobold nickte zufrieden.

„Phantastisch!“ lächelte der Prinz. „Ich habe schon gedacht, wir müssen diese Saison pausieren. Und wer sind Sie bitte...?“

Oh Mist, was sollte sie jetzt sagen? Sie hatte vor lauter Präsentieren ganz vergessen, dass sie gar nicht hierher gehörte. Der Prinz blickte erwartungsvoll. Der Kobold war nicht zu sehen. Johanna spürte, wie sie rot wurde. „Oh, es ist ein Geheimnis.“ Der Prinz nickte verständnisvoll. Johanna nickte automatisch mit. „Dann lüften Sie es am Samstag auf meiner Party. Ich freue mich schon darauf.“ Johanna zwang sich zu einem Lächeln. Sie freute sich auch. Und wie.

Der Prinz lächelte sie immer noch an. Johanna nickte und bückte sich nach ihrer Tasche, der Prinz leider auch. Sie rempelten aneinander und Johanna taumelte zurück. Geistesgegenwärtig griff der Prinz nach ihrem Ellbogen.

„Vorsicht...!“ Dann zog er die Augenbrauen hoch und runzelte die Stirn. „Moment mal...“ Johanna machte, dass sie wegkam. 

Der Prinz ging zögernd zur Tür und schaute ihr  nach. Wirklich seltsam. Ihm fielen die blauen Augen der kleinen Sekretärin von heute morgen ein. Die hatten ihn ganz schön beeindruckt. Außerdem waren sie völlig identisch mit denen, in die er soeben geblickt hatte. Das konnte kein Zufall sein. „Na, warte", dachte er lächelnd.

Johanna raste zum Bus und warf sich völlig außer Atem auf einen der schmuddeligen Sitze. Ob er sie erkannt hatte? Natürlich hatte er sie erkannt. Warum musste sie sich auch so dämlich anstellen! Zweimal mit dem selben Mann zusammenzustoßen! Das konnte auch nur ihr passieren. Seufzend lehnte sie sich zurück. Der Kobold neben ihr seufzte auch.

Johanna sah ihn vorwurfsvoll an, doch er zuckte nur mit den Schultern und lächelte. Johanna war nicht zum Lächeln.

Am nächsten Morgen erfuhr sie, dass sie fristlos entlassen war. Aber nicht vom Prinzen. Oh nein. Das Ekelpaket, das gestern vergeblich nach ihr und der Mappe gesucht hatte, wollte sie los sein. Die Eiseskälte im Büro traf sie schon an der Tür. Leise schlüpfte sie hinein. Der Chef erwartete sie bereits. Seine Augenbrauen standen auf Hochmast. Johanna seufzte.

Doch es kam zu keinen großen Diskussionen. „Frau Kummer, Sie sind die unnötigste Person auf  der ganzen Welt. Gehen Sie.“

Mit hängenden Schultern schlurfte sie zum Schreibtisch, um ihren Krempel einzupacken. Das Telefon läutete. Aber sie ging nicht ran, sie war ja entlassen.

Nebenan hörte sie das Ekelpaket aufgebracht in den Hörer flüstern. Dann wurde das Flüstern zum wütenden Zischen. Johanna spitzte die Ohren, konnte aber nichts verstehen. Zisch, zisch, murmel, murmel. Seit wann führte der Chef geheime Flüstergespräche? Aber das brauchte sie nicht mehr zu interessieren.

Plötzlich öffnete sich die Cheftür und das Ekelpaket stampfte herein. „Ich habe es mir anders überlegt. Sie bekommen noch eine letzte Chance. Jetzt starren Sie nicht so!“ Johanna starrte trotzdem. Was war mit dem Chef los? Endlich durfte er sie rausschmeißen und nun konnte er sich nicht von ihr trennen.

„Gehen Sie wieder an Ihren Schreibtisch. Morgen begleiten Sie mich auf die Party. Als meine Assistentin. Ich hoffe, Sie haben etwas Passendes zum Anziehen.“ Johannas Augen wurden riesig. Sie wusste nicht, was sie dazu sagen sollte. Das war ungeheuerlich! Sie und der Chef auf der Party! Das konnte nur in einer Katastrophe enden.

„Aber...“, begann sie. „Kein aber. Ich hole Sie um acht Uhr ab. Das ist eine dienstliche Anordnung. Und jetzt an die Arbeit!“ Die Cheftür rumste ins Schloss und Johanna auf ihren Stuhl. Na toll!

Samstag Nachmittag. Johanna saß an ihrer Nähmaschine und nähte wie eine Besessene. Heute Abend musste das Kleid fertig sein, sonst musste sie im braunen Bürokostüm anrücken. Der Chef wäre sicher wenig begeistert.

Sie steckte ab, fädelte und trat kräftig auf das Pedal. Rattatta, Rattatta. Johanna schwitzte. Sie hörte die Uhrzeit im Radio und ratterte noch lauter. Und schwitzte noch mehr. Jetzt ein Glas Wasser. Sie sauste in die Küche und trank gleich aus der Flasche, um nicht noch mehr Zeit zu verlieren. Als sie wieder zur Nähmaschine wollte, war die Tür zu. Sie rüttelte an der Tür. Drinnen hörte sie ein Kichern. Johanna rüttelte und rüttelte. Sie hörte das Rattern der Nähmaschine. Du großer Schreck. In Gedanken sah sie ihr Kleid schon als formlosen Klumpen durchs Wohnzimmer wirbeln. Sie trat verzweifelt gegen die Tür.

Stille im Wohnzimmer. Die Tür sprang auf. Johanna sauste hinein. Vor ihr lag das Kleid. Es war fertig.

Die Kinnlade des Chefs knallte auf das Lenkrad, als Johanna aus der Tür schwebte. Sie trug ein silbernes Kleid. Das wild um ihre langen Beine flatterte. Die hohen durchsichtigen Schuhe und der zartblaue Umhang gaben ihr ein elfisches Aussehen. Ihr langes Haar schimmerte seidig.

Johanna schritt zum Wagen. „Starren Sie nicht so!“, säuselte sie, bevor sie in übermütiges Lachen ausbrach. Der Chef trat aufs Gaspedal und sie sausten los.

Schon in der Eingangshalle sah sie den Prinzen stehen. Gleich würde er sie bemerken. Johanna zog unbewusst die Schultern hoch. Aber nichts geschah. Sie blinzelte erleichtert durch den Saal. Der Chef geleitete sie zu einem der kleinen runden Tische. Er sagte nicht besonders viel.

Nach ein paar besonders langweiligen Reden wurde das Essen aufgetischt. Wahnsinn! Johanna hatte noch nie solche Berge von Leckereien gesehen. Beherzt griff sie zu. Zwischendurch schaute sie immer wieder unauffällig zum Prinzen, doch der hatte sie längst vergessen.

Als sie gerade genüsslich an einem Hähnchen knabberte, sah sie den Kobold. Er saß auf der Schulter des Prinzen und lächelte ihr zu. Johanna fiel das Hähnchen in die Soße.

Dann erklang fröhliche Tanzmusik. Die Paare glitten über die Tanzfläche. Neben ihr räusperte sich der Chef, lächelte sie an und machte Anstalten aufzustehen. Erschrocken griff Johanna nach ihrem Glas und trank, als ob sie kurz vorm Verdursten wäre. Es half nichts, der Chef tänzelte herüber. Johanna überlegte verzweifelt, was sie tun sollte. Da ergriff jemand ihre Hand und zog sie ohne Umschweife mit sich.

Johanna fand sich in der Umarmung des Prinzen wieder und klammerte verzweifelt. Doch er lächelte und drehte Runde um Runde. Da entspannte sie sich etwas. Der Prinz sagte nichts, sah sie immer nur an. Hatte der Augen!

Ein Song folgte dem nächsten und sie tanzten immer noch. Der Prinz ließ Johanna keine Gelegenheit, zu entwischen.

Irgendwann wollte sie das auch nicht mehr und schwebte selig mit ihm dahin. Zum Glück wollte er sich nicht unterhalten.

Schließlich führte er sie zu ihrem Platz. Verträumt lächelte sie ihm zu. Plötzlich wurde es still im Saal. Alle Blicke richteten sich auf die Bühne. Dort stand ein kleiner Mann im schwarzen Anzug. Johanna lächelte verträumt zu ihm hinauf.

„Und nun folgt die Bekanntgabe des besten Designers der Saison!" Johanna lächelte immer noch. „Es ist... Frau Johanna Kummer.“

Johanna erstarrte. Ein Scheinwerfer wurde auf sie gerichtet. Der Prinz zog sie wieder vom Stuhl. Der ganze Saal klatschte. Johanna lächelte gequält.

„Darf ich vorstellen...!“ Sie wurde herumgewirbelt und allen präsentiert.

„Aber ich bin doch nur...!“ begann sie verzweifelt. „Psst, das war einmal“, unterbrach sie der Prinz und zwinkerte ihr verschwörerisch zu. Johanna machte große Augen. Dann verstand sie endlich. Ihr wurde ganz warm.

Die Hand des Prinzen verschwand in ihrer und zusammen schritten sie von der Bühne.

Auf einem Stuhl saß ein Kobold und kaute vergnügt an einem Hühnerbein. 

© Jana Beier, Koblenz 2001