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Des
Kaisers neue Kleider
Dabei
hatte alles einen so harmonischen Anfang genommen. Tommy hatte ihn auf
dem knallig roten Halbrund direkt neben diesem Supermodell platziert,
diese – wie hieß sie doch gleich. Er erinnerte sich nur noch vage,
dass ihn der Vorname dieser Puppe irgendwie an die saftig-grünen Alpen
im Schweizer Milka-Land hatte denken lassen. Und – wie er sich jetzt
nach ihrem folgenschweren Zusammentreffen eingestehen musste – etwas
kuhig war sie ja. Nicht so doof, natürlich, wie die Rottenmeier es in
der Serie gewesen ist, der unser Supermodell seinen Namen verdankt; aber
dennoch wie eine Kuh. So dumm.
Und
er, der Kaiser, der Kaiser des deutschen Fußballs, er war dieser Frau
auf den Leim gegangen. Hatte sich von ihr bezirzen und um den Finger
wickeln lassen. Ihr Dekollete. Er wollte schwach werden bei dieser
Erinnerung. Dann jedoch riss ihn das Bewusstsein um seine Situation aus
seinen Tagträumen heraus. In welch Teufelsküche ihn der zu tiefe Blick
in fremde Kleidungsstücke gebracht hatte. Aber wer hätte auch ahnen können,
dass die beiden Burschen nicht ihre Wette gewinnen würden? Sie hatten
sich doch lange genug auf ihren Auftritt vorbereiten können.
Und
überhaupt: Es war doch logisch. Bei einem Prisma funktionierte ihr
Vorhaben doch wunderbar. Warum also sollte es mit Garn so schwierig
sein? Noch immer wollte ihm nicht einleuchten, wieso diese Wette
gescheitert war. Wieso die beiden Wettkandidaten es nicht geschafft
hatten, die einzelnen, jeweils anders farbigen Fäden zu einem einzigen
Garn zusammenzuweben, in dem sich die separaten Farben aufhoben, so dass
der resultierende Faden durchsichtig war. Wieso ihm ausgerechnet der
rote Faden einen Strich durch die Rechnung hatte machen müssen. Rot.
Die Signalfarbe. Ihm wäre eine Tarnfarbe lieber gewesen. Eine Farbe,
hinter der er sich verstecken könnte, die sich von vornherein an das
Durchsichtige um es herum angepasst hätte, so dass er jetzt keinen
Wetteinsatz einzulösen bräuchte. Aber das Glück hatte ihn just in dem
Moment verlassen, in dem er oben, hoch oben auf der Welle des Erfolgs
thronte. Das Leben bestand jedoch nicht nur aus Höhen. Seins
insbesondere würde sehr bald schon eine einzige Kuhle sein. Die Grube,
die er sich selbst gegraben hatte. Denn, ja, verdammt, er hatte
zugestimmt.
Im
Überschwang seiner Gefühle und noch ganz benebelt von dem Charme der
betörenden Modepuppe hatte er lachend in ihren Geistesblitz
eingestimmt. In den Blitz der Erleuchtung, musste er sich selbst
korrigieren, denn mit dem Geist war das bei ihr ja so eine Sache...
Nichtsdestotrotz war es genau dieses körperbetonte Wesen, dass ihn nun
seinen Körper zur Schau stellen ließ.
Ein
Schauer lief ihm über den Rücken, als er sich ihr begeistertes In-die-
Hände-Klatschen wieder ins Gedächtnis rief und ihren kindlich-naiven
Aufschrei: „Das ist ja wie im Märchen. Des Kaisers neue Kleider!“
Und dann hatte sie ihm vor laufender Kamera einen kameradschaftlichen
Klaps auf die Schulter gegeben und fröhlich lautstark hinausposaunt:
„Wenn du verlierst, musst du dich auch nackt durch die Menge bewegen.
Du bist doch unser Kaiser!“ Binnen Sekunden hatte sie die Lacher auf
ihrer Seite, eine grölende Menge von Publikum, und ihm blieb nichts
anderes übrig, als gute Miene zum bösen Spiel zu machen, dieses
dusselige Spiel mitzuspielen. Hätte man ihm doch ein rundes Leder
gegeben! So aber saß er tatenlos auf der Wartebank und musste offenen
Auges mit ansehen, wie die beiden Weber das Spiel seines Lebens
verloren, wie sie seine Karriere leichtfertig aufs Spiel setzten.
Er
betrachtete sich im Spiegel. Eigentlich war er mit seinem Aussehen recht
zufrieden. Sportlich, die Muskeln wohl-proportioniert, braungebrannt und
in grau-meliertem Kontrast die Schläfen. Aber ob er deshalb gleich
nackt durch München toben musste? Wenigstens, so dachte er in einem
Anflug von Galgenhumor, wenigstens würde er heute nicht die Qual der
Kleidungswahl haben. Aber so richtig von Herzen ermunterte ihn dieser
Gedanke auch nicht. Ganz im Gegenteil. Ihm war mulmig zumute. Resigniert
drehte er sich noch ein paar Mal um die eigene Achse, dann setzte er
sich schließlich schicksalsergeben und splitterfasernackt in sein Auto.
Er
versuchte krampfhaft, das sanfte Zittern der Gardinen in den Häusern
der angrenzenden Grundstücke zu ignorieren. Er zündete den Wagen und
fuhr schließlich los in Richtung Stachus. Wie viele Menschen ihn wohl
heute in seiner Naturbelassenheit bestaunen würden? „Sportler gegen
Rechts“ war ja für sich genommen schon ein medienwirksames Ereignis.
Mit einem nackten Schirmherren an der Spitze würde es wahrscheinlich
auf Platz eins der Schlagzeilen rangieren. Wenn nur keine dieser
Radikalfeministinnen handgreiflich werden würde! Aber den Griff vor die
Lende, den beherrschte er noch aus seiner aktiven Spielzeit. Und Foul!
Er würde ihnen allen die rote Karte zeigen, sie alle vom Platz
verweisen. Wer handgreiflich wurde, der flog. Oder bekam einen Tritt in
den Allerwertesten. Darauf verstand er sich besser. Egal, sie sollten
sich hüten. Sie sollten ihn in Ruhe lassen!
Inständig
hoffte er, dass dieses böse Spiel ein baldiges Ende nehmen würde. Dass
es in Strömen gösse oder der Marktplatz nicht betretbar sei. Doch
nichts dergleichen ereignete sich. Stattdessen kam er pünktlich am
Stachus an. Blitzlichter und Kameras empfingen ihn gierig am Straßenrand.
Sie warteten auf ihn, den Nackten, das gefundene Fressen. Er sah sich
schon als Ganzkörperfoto auf der morgigen Ausgabe der Bildzeitung
thronen, entblößt bis auf die Haut, Karriere zerstört. Untauglich
sein Amt weiter auszuführen, denn wer würde ihm noch Respekt zollen?
Resigniert seufzte er einmal leise auf. Doch es gab kein Zurück. Auch
ein Nichteinlösen der Wette hätte sein Ende bedeutet. Ein Ende als
Feigling, als Spielverderber, unfähig, Sportsgeist zu beweisen. So würde
er wenigstens mit Pauken und Trompeten untergehen. Der Medienrummel war
ihm gewiss, er hatte sich ja schon längst eingestellt. Gut nur, dass er
die ganze Aktion so abschreckend fand, dass er nicht auch noch seinen
Schwanz waagerecht in die Kameras lechzen lassen würde. Gut, dass er
kein Exhibitionist war.
Er
legte noch eine kleine Denkminute ein, dann öffnete er unwillig die
Wagentüre und trat schwungvoll in die Öffentlichkeit. Sich nur nicht
der Peinlichkeit hingeben! Die Blitze blendeten ihn, Stimmengewirr überall.
Er schirmte sich mit der einen Hand die Augen ab; die andere benutzte
er, um die Masse an aufdringlichen Mikrophonen abzuwehren. Kein
Kommentar. Er bahnte sich geradlinig, nur nicht nach links oder rechts
außen schauen, seinen Weg an die Spitze des Feldes und pfiff kurz in
seine Trillerpfeife, die ihm schmückend um die Brustwarzen tänzelte.
Dann ging es los.
Schnurstracks
zum Rathaus hin, im Schlepptau eine Scharr schaulustiger,
sensationsheischender Demonstranten. Am Marienplatz, endlich, würde
seine Mission ein Ende finden. Dort würde auch seine Karriere beendet
werden, viel zu früh für seine Ambitionen. Entsprechend würde er
heute nicht reden. Er, dessen Idee „Sportler gegen Rechts“ gewesen
war. Wie hatte man ihn damals gelobt für seinen Einfallsreichtum. Und
nun würde er schweigen. Er hatte sich selbst seiner Worte beschnitten,
würde andere reden lassen müssen.
Aus
den Augenwinkeln nahm er wahr, wie das ganze Interesse nur seiner Person
galt. Unter normalen Umständen wäre es ihm bei dieser Erkenntnis
wohlig den Rücken hinuntergelaufen und er hätte sich stolz ein wenig
nach oben gereckt. Heute aber wollte ihm so gar nicht kaiserlich zumute
sein. Er wagte einen zaghaften Blick zur Seite – sie waren alle nur
seinetwegen hier. Gaffer, die sich mit Genugtuung an seinem Leid
aufgeilten, geiernd ihre Sensationsgier befriedigten.
Noch
ehe er den Gedanken weiterführen konnte, hörte er auf einmal zu seiner
Rechten Krakeelereien. Er blickte zu der sich dort formierenden Menge,
und für einen kurzen, winzig kurzen Moment hüpfte ihm das Herz vor
Freude. Denn was die Menschen dort brüllten und was sie da in
knallbunten Farben auf ihre Plakate gepinselt hatten, entsprach genau
seinen Empfindungen: „Gegen rechte Gewalt eintreten heißt eintreten für
alle Menschen, die nackt aus nichts als Haut bestehen.“ Und: „Wenn
die Nacktheit den Kampf gegen Rechts überstrahlt, dann kann die Demo
nur erfolgreich sein, wenn Nacktheit zur Normalität wird.“ Tatsächlich,
er musste sich über die Augen wischen, diese Menschen waren nackt. Sie
hatten sich bis auf die Haut ihrer Kleider entledigt und tanzten in schönster
Naturbelassenheit durch die staunende Menge der Demonstranten. Nur kurze
Zeit herrschte Verwirrung unter den Mitläufern, dann riss sich einer
nach der anderen die Kleidung vom Leibe. Nackt hielten sie sich an den Händen
und setzten schreiend und Plakate schwenkend ihren Weg in Richtung
Rathaus fort.
Und
als die Bildzeitung am nächsten Tag von einer Welle nackter
Gewaltlosigkeit berichtete, da saß er wieder im neuesten Schick
gekleidet vor seinem kaiserlichen Frühstück und konnte sich genüsslich
an den Schlagzeilen erfreuen, die ihn als Papst des deutschen Fußballs,
als Kaiser der Nation entblößten.
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