Nummer 1 von über 300.000 bei Google.de unter "aktuelle Literatur"
Alle Rechte vorbehalten © 1998 - 2010 All rights reserved by
 
Klaus-Dieter Regenbrecht


Das gemeinsame Projekt der Schreibwerkstatt (VHS Koblenz, Herbst 2000),
Märchen im neuen Gewand
Kursleitung und Internet-Realisation: Klaus-Dieter Regenbrecht


Des Kaisers neue Kleider

 

 

Man nannte ihn den Kaiser. Im ganzen Land war er bekannt, und weil dem so war, hatte er es sich zu Beginn seiner Karriere zu eigen gemacht, immer nur nach der neuesten Mode gekleidet zu sein. Er war schließlich ein Mann des öffentlichen Lebens! Ganz egal, um welches Interview, welches Spiel, welche Sendung es sich handelte – niemals hatte er nicht äußerst wohlbedacht seine Kleidung sorgfältig ausgewählt. Und nun das. Sicher, er war selbst nicht ganz unbeteiligt an seinem Dilemma. Aber dass sich an jenem Abend alles gegen ihn verschworen haben sollte, damit hatte er nicht gerechnet. Stets hatte er ein glückliches Händchen bewiesen – er war ja nicht umsonst zum Kaiser erkoren worden.

Bloß an jenem verhängnisvollen Abend hatte sich das Glück nicht einstellen wollen. Hatte es ihm zu verstehen gegeben, dass niemand auf sein Glück vertrauen durfte. Auch er nicht. Hochmut kam bekanntlich schon immer vor dem Fall. Und fallen war, was er jetzt tun würde. Fallen, nein, stürzen gar. Von seinem hohen Ross ins Bodenlose. Dorthin, wo ihn niemand mehr beachten würde. Wo er anwesend wäre nur noch in der Erinnerung an einen peinlichen, äußerst fragwürdigen Abstieg. Mayer-Vorfelder verstand keinen Spaß. Er würde ihn im hohen Bogen vor die Tore des Deutschen Fußballbundes setzen. Und dies wohl nicht einmal zu Unrecht.

Dabei hatte alles einen so harmonischen Anfang genommen. Tommy hatte ihn auf dem knallig roten Halbrund direkt neben diesem Supermodell platziert, diese – wie hieß sie doch gleich. Er erinnerte sich nur noch vage, dass ihn der Vorname dieser Puppe irgendwie an die saftig-grünen Alpen im Schweizer Milka-Land hatte denken lassen. Und – wie er sich jetzt nach ihrem folgenschweren Zusammentreffen eingestehen musste – etwas kuhig war sie ja. Nicht so doof, natürlich, wie die Rottenmeier es in der Serie gewesen ist, der unser Supermodell seinen Namen verdankt; aber dennoch wie eine Kuh. So dumm.

Und er, der Kaiser, der Kaiser des deutschen Fußballs, er war dieser Frau auf den Leim gegangen. Hatte sich von ihr bezirzen und um den Finger wickeln lassen. Ihr Dekollete. Er wollte schwach werden bei dieser Erinnerung. Dann jedoch riss ihn das Bewusstsein um seine Situation aus seinen Tagträumen heraus. In welch Teufelsküche ihn der zu tiefe Blick in fremde Kleidungsstücke gebracht hatte. Aber wer hätte auch ahnen können, dass die beiden Burschen nicht ihre Wette gewinnen würden? Sie hatten sich doch lange genug auf ihren Auftritt vorbereiten können.

Und überhaupt: Es war doch logisch. Bei einem Prisma funktionierte ihr Vorhaben doch wunderbar. Warum also sollte es mit Garn so schwierig sein? Noch immer wollte ihm nicht einleuchten, wieso diese Wette gescheitert war. Wieso die beiden Wettkandidaten es nicht geschafft hatten, die einzelnen, jeweils anders farbigen Fäden zu einem einzigen Garn zusammenzuweben, in dem sich die separaten Farben aufhoben, so dass der resultierende Faden durchsichtig war. Wieso ihm ausgerechnet der rote Faden einen Strich durch die Rechnung hatte machen müssen. Rot. Die Signalfarbe. Ihm wäre eine Tarnfarbe lieber gewesen. Eine Farbe, hinter der er sich verstecken könnte, die sich von vornherein an das Durchsichtige um es herum angepasst hätte, so dass er jetzt keinen Wetteinsatz einzulösen bräuchte. Aber das Glück hatte ihn just in dem Moment verlassen, in dem er oben, hoch oben auf der Welle des Erfolgs thronte. Das Leben bestand jedoch nicht nur aus Höhen. Seins insbesondere würde sehr bald schon eine einzige Kuhle sein. Die Grube, die er sich selbst gegraben hatte. Denn, ja, verdammt, er hatte zugestimmt.

Im Überschwang seiner Gefühle und noch ganz benebelt von dem Charme der betörenden Modepuppe hatte er lachend in ihren Geistesblitz eingestimmt. In den Blitz der Erleuchtung, musste er sich selbst korrigieren, denn mit dem Geist war das bei ihr ja so eine Sache... Nichtsdestotrotz war es genau dieses körperbetonte Wesen, dass ihn nun seinen Körper zur Schau stellen ließ.

Ein Schauer lief ihm über den Rücken, als er sich ihr begeistertes In-die- Hände-Klatschen wieder ins Gedächtnis rief und ihren kindlich-naiven Aufschrei: „Das ist ja wie im Märchen. Des Kaisers neue Kleider!“ Und dann hatte sie ihm vor laufender Kamera einen kameradschaftlichen Klaps auf die Schulter gegeben und fröhlich lautstark hinausposaunt: „Wenn du verlierst, musst du dich auch nackt durch die Menge bewegen. Du bist doch unser Kaiser!“ Binnen Sekunden hatte sie die Lacher auf ihrer Seite, eine grölende Menge von Publikum, und ihm blieb nichts anderes übrig, als gute Miene zum bösen Spiel zu machen, dieses dusselige Spiel mitzuspielen. Hätte man ihm doch ein rundes Leder gegeben! So aber saß er tatenlos auf der Wartebank und musste offenen Auges mit ansehen, wie die beiden Weber das Spiel seines Lebens verloren, wie sie seine Karriere leichtfertig aufs Spiel setzten.

Er betrachtete sich im Spiegel. Eigentlich war er mit seinem Aussehen recht zufrieden. Sportlich, die Muskeln wohl-proportioniert, braungebrannt und in grau-meliertem Kontrast die Schläfen. Aber ob er deshalb gleich nackt durch München toben musste? Wenigstens, so dachte er in einem Anflug von Galgenhumor, wenigstens würde er heute nicht die Qual der Kleidungswahl haben. Aber so richtig von Herzen ermunterte ihn dieser Gedanke auch nicht. Ganz im Gegenteil. Ihm war mulmig zumute. Resigniert drehte er sich noch ein paar Mal um die eigene Achse, dann setzte er sich schließlich schicksalsergeben und splitterfasernackt in sein Auto.

Er versuchte krampfhaft, das sanfte Zittern der Gardinen in den Häusern der angrenzenden Grundstücke zu ignorieren. Er zündete den Wagen und fuhr schließlich los in Richtung Stachus. Wie viele Menschen ihn wohl heute in seiner Naturbelassenheit bestaunen würden? „Sportler gegen Rechts“ war ja für sich genommen schon ein medienwirksames Ereignis. Mit einem nackten Schirmherren an der Spitze würde es wahrscheinlich auf Platz eins der Schlagzeilen rangieren. Wenn nur keine dieser Radikalfeministinnen handgreiflich werden würde! Aber den Griff vor die Lende, den beherrschte er noch aus seiner aktiven Spielzeit. Und Foul! Er würde ihnen allen die rote Karte zeigen, sie alle vom Platz verweisen. Wer handgreiflich wurde, der flog. Oder bekam einen Tritt in den Allerwertesten. Darauf verstand er sich besser. Egal, sie sollten sich hüten. Sie sollten ihn in Ruhe lassen!

Inständig hoffte er, dass dieses böse Spiel ein baldiges Ende nehmen würde. Dass es in Strömen gösse oder der Marktplatz nicht betretbar sei. Doch nichts dergleichen ereignete sich. Stattdessen kam er pünktlich am Stachus an. Blitzlichter und Kameras empfingen ihn gierig am Straßenrand. Sie warteten auf ihn, den Nackten, das gefundene Fressen. Er sah sich schon als Ganzkörperfoto auf der morgigen Ausgabe der Bildzeitung thronen, entblößt bis auf die Haut, Karriere zerstört. Untauglich sein Amt weiter auszuführen, denn wer würde ihm noch Respekt zollen? Resigniert seufzte er einmal leise auf. Doch es gab kein Zurück. Auch ein Nichteinlösen der Wette hätte sein Ende bedeutet. Ein Ende als Feigling, als Spielverderber, unfähig, Sportsgeist zu beweisen. So würde er wenigstens mit Pauken und Trompeten untergehen. Der Medienrummel war ihm gewiss, er hatte sich ja schon längst eingestellt. Gut nur, dass er die ganze Aktion so abschreckend fand, dass er nicht auch noch seinen Schwanz waagerecht in die Kameras lechzen lassen würde. Gut, dass er kein Exhibitionist war.

Er legte noch eine kleine Denkminute ein, dann öffnete er unwillig die Wagentüre und trat schwungvoll in die Öffentlichkeit. Sich nur nicht der Peinlichkeit hingeben! Die Blitze blendeten ihn, Stimmengewirr überall. Er schirmte sich mit der einen Hand die Augen ab; die andere benutzte er, um die Masse an aufdringlichen Mikrophonen abzuwehren. Kein Kommentar. Er bahnte sich geradlinig, nur nicht nach links oder rechts außen schauen, seinen Weg an die Spitze des Feldes und pfiff kurz in seine Trillerpfeife, die ihm schmückend um die Brustwarzen tänzelte. Dann ging es los.

Schnurstracks zum Rathaus hin, im Schlepptau eine Scharr schaulustiger, sensationsheischender Demonstranten. Am Marienplatz, endlich, würde seine Mission ein Ende finden. Dort würde auch seine Karriere beendet werden, viel zu früh für seine Ambitionen. Entsprechend würde er heute nicht reden. Er, dessen Idee „Sportler gegen Rechts“ gewesen war. Wie hatte man ihn damals gelobt für seinen Einfallsreichtum. Und nun würde er schweigen. Er hatte sich selbst seiner Worte beschnitten, würde andere reden lassen müssen.

Aus den Augenwinkeln nahm er wahr, wie das ganze Interesse nur seiner Person galt. Unter normalen Umständen wäre es ihm bei dieser Erkenntnis wohlig den Rücken hinuntergelaufen und er hätte sich stolz ein wenig nach oben gereckt. Heute aber wollte ihm so gar nicht kaiserlich zumute sein. Er wagte einen zaghaften Blick zur Seite – sie waren alle nur seinetwegen hier. Gaffer, die sich mit Genugtuung an seinem Leid aufgeilten, geiernd ihre Sensationsgier befriedigten.

Noch ehe er den Gedanken weiterführen konnte, hörte er auf einmal zu seiner Rechten Krakeelereien. Er blickte zu der sich dort formierenden Menge, und für einen kurzen, winzig kurzen Moment hüpfte ihm das Herz vor Freude. Denn was die Menschen dort brüllten und was sie da in knallbunten Farben auf ihre Plakate gepinselt hatten, entsprach genau seinen Empfindungen: „Gegen rechte Gewalt eintreten heißt eintreten für alle Menschen, die nackt aus nichts als Haut bestehen.“ Und: „Wenn die Nacktheit den Kampf gegen Rechts überstrahlt, dann kann die Demo nur erfolgreich sein, wenn Nacktheit zur Normalität wird.“ Tatsächlich, er musste sich über die Augen wischen, diese Menschen waren nackt. Sie hatten sich bis auf die Haut ihrer Kleider entledigt und tanzten in schönster Naturbelassenheit durch die staunende Menge der Demonstranten. Nur kurze Zeit herrschte Verwirrung unter den Mitläufern, dann riss sich einer nach der anderen die Kleidung vom Leibe. Nackt hielten sie sich an den Händen und setzten schreiend und Plakate schwenkend ihren Weg in Richtung Rathaus fort.

Und als die Bildzeitung am nächsten Tag von einer Welle nackter Gewaltlosigkeit berichtete, da saß er wieder im neuesten Schick gekleidet vor seinem kaiserlichen Frühstück und konnte sich genüsslich an den Schlagzeilen erfreuen, die ihn als Papst des deutschen Fußballs, als Kaiser der Nation entblößten.

 

© Petra Wittke, Koblenz 2000