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Klaus-Dieter Regenbrecht


Das gemeinsame Projekt der Schreibwerkstatt (VHS Koblenz, Herbst 2000),
Märchen im neuen Gewand
Kursleitung und Internet-Realisation: Klaus-Dieter Regenbrecht

Märchen-Mix

Die schöne dynamische Jungunternehmerin Regine saß am Fenster und blickte versonnen auf den meergrünen Bildschirm ihres Computers, auf dem in schneller Folge die aktuellen Börsenkurse abliefen. Immer wieder schweifte ihr Blick zum Fenster, hinaus in den Park, wo sich sieben Kinder mit roten Pummelmützen im Schein der untergehenden Sonne im Herbstlaub tummelten. Beim Anblick der munteren kleinen Wesen wurde ihr ganz warm ums Herz. Sie seufzte voller Wehmut, und ohne die Augen von dem traulichen Bild abzuwenden, tastete ihre Hand nach dem gläsernen Flakon und ihrem Taschenspiegel. Sie öffnete das Fläschchen und wie Schneeflocken fiel das weiße Pulver auf das Spiegelglas, bildete eine schmale Spur, die Regine mit einem feinen silbernen Röhrchen in ihre Nase zog. Erst in das linke, dann in das rechte Nasenloch. Sie atmete tief und der Schnee tat seine Wirkung.

"Ich wünsche mir ein Kind", hauchte sie ihrem Spiegelbild entgegen. "Ein Kind mit Augen so grün wie mein Computerbildschirm. Mit Haaren so blond wie die der Claudia Schiffer, mit einem makellosen Teint AOKanerin und so zartgliedrig und fein wie ich. Ein Kind mit dem Temperament meines türkischen Gemüsehändlers, mit den Computerfähigkeiten eines Inders, mit der stoischen Verschwiegenheit eines Helmut Kohl, mit der Potenz eines Bill Clinton, der Barmherzigkeit einer Mutter Theresa, der Unfehlbarkeit des Papstes und der Unsterblichkeit von Gott." Regine glaubte ihr Herz pochen zu hören, oder waren es die Schläge ihrer inneren biologischen Uhr, die sie mahnte:

Es ist Zeit, höchste Zeit,
du wirst alt, zu alt
für ein Kind, für dein Kind!

Der melodische Dreiklanggong der Haustür riss sie aus ihren Gedanken. Draußen stand Peter Munk, Regines Freund aus Kindertagen und armer Leute Kind. Heute einer ihrer Kleinanleger, für den sie an der Börse spekulierte. Es waren lächerlich Beträge, die Peter investierte, Peanuts, aber sie mochte ihn, er hatte ein gutes Herz, und - das schoss Regine durch den Kopf - käme er als Vater für mein zu zeugendes Kind in Frage? Peter Munk hatte kürzlich durch den Tod seines Onkels, eines Kohlen- und Baustoffhändlers, ein beträchtliches Vermögen geerbt, sah gut aus und war unverheiratet. Merkmale, die ihn in der Rangordnung seiner Gespielinnen in die Position eines Alpha-Männchens katapultiert hatten.

Peter liebte Regine, aber auch Anna, Lisa, Kathrin, Julia und Eva. Doch Regine war ihm die Liebste, weil sie sich ihm bisher verweigert hatte, was sein Begehren noch steigerte. Sie war ihm so wichtig wie sein Geld, wie seines Onkels Schotter, seine Kohle, sein Kies. Der Kuss, den er Regine auf die Lippen drückte, war voller Verlangen, mündete aber spitzzüngig in die Frage: "Was macht mein Geld, was macht der Dax. Jetzt komme ich schon zum zweiten Male und will wissen, wie hoch die Zuwachsrate ist."

"Komm rein, Pitt", sagte Regine und ließ lächelnd ihre perlweißen Zähne blitzen, nahm ihn bei der Hand und zog ihn weiter bis zu ihrem Wasserbett.
"Ich wünsche mir ein Kind, mach mir eins", flüsterte Regine leidenschaftlich und drückte Peter ins himmelblaue Seidenlaken.

Peter, von Regines Direktheit beeindruckt, holte schüchtern aus dem Sack seinen Knüppel, dem es noch etwas am nötigen Stand im Ansatz mangelte, doch Regine hatte das schnell im Griff, und dann begannen die beiden ein Heben und ein Senken, ein Auf und ein Ab, ein Seufzen und ein Stöhnen, ein Hecheln und ein Keuchen, dass es eine Lust gewesen wäre, ihnen zuzusehen.

Das Wasser im Bett schwappte wild, und es war ihnen, als ritten sie auf einer schäumenden Welle, die sie ans Ufer warf, wieder mit sich riss, bis sie ihre Kraft verlor, und die beiden nackt und wohlig ermattet zur Ruhe kamen. Noch am selben Abend schenkte Peter Regine einhundert rote Rosen und nannte sie seine Königin.

In den nächsten Wochen kamen sie oft noch miteinander, bis endlich Regine sich morgens zu erbrechen begann. Ihr Bauch wuchs und mit ihm das Haus, das Peter mit Hilfe fleißiger Spätaussiedler zu bauen angefangen hatte. Regine kam nieder und in der Zeitung stand zu lesen:

Wir haben fusioniert:
Regine L. Müller & Peter Munk.
Der Prototyp unserer ersten gemeinsamen Produktion heißt
Melanie.

Von nun an lebten sie glücklich und zufrieden, mehrten ihren Reichtum und ihre Kinderschar, spendeten Geld für die Armen, denn sie konnten es von der Steuer absetzen, und starben schließlich in hohem Alter, die DNS für Unsterblichkeit war noch nicht entdeckt, kurz hinter einander an Herzversagen. Und alle die, die pünktlich ihre Steuern zahlen, keinen negativen Schufa-Eintrag haben, brav zur Wahlurne gehen und auch sonst für eine freiheitlich-demokratische Grundordnung eintreten, also alle, die reinen Herzens sind, können die beiden auf einer Wolke sitzen sehen, zu blauen Stunde, gemeinsam

mit Jimmy Dean und Marylin,
mit JFK und ML King
mit Goethe, Hemingway und Kant,
mit der Channel und Mary Quant,
mit Jean Miró und Salvador Allende

Ende

© Elisabeth Büttner, Koblenz 2000