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Märchen-Mix
Die schöne dynamische Jungunternehmerin Regine saß am
Fenster und blickte versonnen auf den meergrünen Bildschirm ihres
Computers, auf dem in schneller Folge die aktuellen Börsenkurse
abliefen. Immer wieder schweifte ihr Blick zum Fenster, hinaus in den
Park, wo sich sieben Kinder mit roten Pummelmützen im Schein der
untergehenden Sonne im Herbstlaub tummelten. Beim Anblick der munteren
kleinen Wesen wurde ihr ganz warm ums Herz. Sie seufzte voller Wehmut,
und ohne die Augen von dem traulichen Bild abzuwenden, tastete ihre Hand
nach dem gläsernen Flakon und ihrem Taschenspiegel. Sie öffnete das
Fläschchen und wie Schneeflocken fiel das weiße Pulver auf das
Spiegelglas, bildete eine schmale Spur, die Regine mit einem feinen
silbernen Röhrchen in ihre Nase zog. Erst in das linke, dann in das
rechte Nasenloch. Sie atmete tief und der Schnee tat seine Wirkung.
"Ich
wünsche mir ein Kind", hauchte sie ihrem Spiegelbild entgegen.
"Ein Kind mit Augen so grün wie mein Computerbildschirm. Mit
Haaren so blond wie die der Claudia Schiffer, mit einem makellosen Teint
AOKanerin und so zartgliedrig und fein wie ich. Ein Kind mit dem
Temperament meines türkischen Gemüsehändlers, mit den
Computerfähigkeiten eines Inders, mit der stoischen Verschwiegenheit
eines Helmut Kohl, mit der Potenz eines Bill Clinton, der Barmherzigkeit
einer Mutter Theresa, der Unfehlbarkeit des Papstes und der
Unsterblichkeit von Gott." Regine glaubte ihr Herz pochen zu
hören, oder waren es die Schläge ihrer inneren biologischen Uhr, die
sie mahnte:
Es
ist Zeit, höchste Zeit,
du wirst alt, zu alt
für ein Kind, für dein Kind!
Der
melodische Dreiklanggong der Haustür riss sie aus ihren Gedanken.
Draußen stand Peter Munk, Regines Freund aus Kindertagen und armer
Leute Kind. Heute einer ihrer Kleinanleger, für den sie an der Börse
spekulierte. Es waren lächerlich Beträge, die Peter investierte,
Peanuts, aber sie mochte ihn, er hatte ein gutes Herz, und - das schoss
Regine durch den Kopf - käme er als Vater für mein zu zeugendes Kind
in Frage? Peter Munk hatte kürzlich durch den Tod seines Onkels, eines
Kohlen- und Baustoffhändlers, ein beträchtliches Vermögen geerbt, sah
gut aus und war unverheiratet. Merkmale, die ihn in der Rangordnung
seiner Gespielinnen in die Position eines Alpha-Männchens katapultiert
hatten.
Peter
liebte Regine, aber auch Anna, Lisa, Kathrin, Julia und Eva. Doch Regine
war ihm die Liebste, weil sie sich ihm bisher verweigert hatte, was sein
Begehren noch steigerte. Sie war ihm so wichtig wie sein Geld, wie
seines Onkels Schotter, seine Kohle, sein Kies. Der Kuss, den er Regine
auf die Lippen drückte, war voller Verlangen, mündete aber
spitzzüngig in die Frage: "Was macht mein Geld, was macht der Dax.
Jetzt komme ich schon zum zweiten Male und will wissen, wie hoch die
Zuwachsrate ist."
"Komm
rein, Pitt", sagte Regine und ließ lächelnd ihre perlweißen
Zähne blitzen, nahm ihn bei der Hand und zog ihn weiter bis zu ihrem
Wasserbett.
"Ich wünsche mir ein Kind, mach mir eins", flüsterte Regine
leidenschaftlich und drückte Peter ins himmelblaue Seidenlaken.
Peter,
von Regines Direktheit beeindruckt, holte schüchtern aus dem Sack
seinen Knüppel, dem es noch etwas am nötigen Stand im Ansatz mangelte,
doch Regine hatte das schnell im Griff, und dann begannen die beiden ein
Heben und ein Senken, ein Auf und ein Ab, ein Seufzen und ein Stöhnen,
ein Hecheln und ein Keuchen, dass es eine Lust gewesen wäre, ihnen
zuzusehen.
Das
Wasser im Bett schwappte wild, und es war ihnen, als ritten sie auf
einer schäumenden Welle, die sie ans Ufer warf, wieder mit sich riss,
bis sie ihre Kraft verlor, und die beiden nackt und wohlig ermattet zur
Ruhe kamen. Noch am selben Abend schenkte Peter Regine einhundert rote
Rosen und nannte sie seine Königin.
In
den nächsten Wochen kamen sie oft noch miteinander, bis endlich Regine
sich morgens zu erbrechen begann. Ihr Bauch wuchs und mit ihm das Haus,
das Peter mit Hilfe fleißiger Spätaussiedler zu bauen angefangen
hatte. Regine kam nieder und in der Zeitung stand zu lesen:
Wir
haben fusioniert:
Regine L. Müller & Peter Munk.
Der Prototyp unserer ersten gemeinsamen Produktion heißt
Melanie.
Von
nun an lebten sie glücklich und zufrieden, mehrten ihren Reichtum und
ihre Kinderschar, spendeten Geld für die Armen, denn sie konnten es von
der Steuer absetzen, und starben schließlich in hohem Alter, die DNS
für Unsterblichkeit war noch nicht entdeckt, kurz hinter einander an
Herzversagen. Und alle die, die pünktlich ihre Steuern zahlen, keinen
negativen Schufa-Eintrag haben, brav zur Wahlurne gehen und auch sonst
für eine freiheitlich-demokratische Grundordnung eintreten, also alle,
die reinen Herzens sind, können die beiden auf einer Wolke sitzen
sehen, zu blauen Stunde, gemeinsam
mit
Jimmy Dean und Marylin,
mit JFK und ML King
mit Goethe, Hemingway und Kant,
mit der Channel und Mary Quant,
mit Jean Miró und Salvador Allende
Ende
©
Elisabeth Büttner, Koblenz 2000
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