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Der
Schmuddelkönig
In seiner wertvollen, alten Villa in einem Münchner Vorort
lebte Leo, Vater zweier hübscher Töchter. Am Marienplatz betrieb er
eine Boutique für Uhren und exklusiven Schmuck. Das schönste Stück in
seinem Laden, eine goldene Kugel mit neun strahlenden Diamanten hatte er
seiner jüngeren Tochter, der mit dem wundervollen Goldhaar, geschenkt.
An ihm hing sie sehr, die Sechzehnjährige; der goldene, strahlende Ball
wurde ihr liebstes Spielzeug.
An
den Nachmittagen, nach Beendigung des Unterrichts durch ihren jungen
Privatlehrer, lief sie leichtfüßig hinunter zum klaren See, die Grenze
zu den dahinter liegenden Feldern der Kleinbauern. Die hell leuchtende
Kugel warf sie hoch hinauf in die Strahlenbündel der Nachmittagssonne,
wieder und wieder. Sonne und Kugel gleißten und funkelten im
Wettstreit. Verliebt in den Anblick kam das junge Mädchen dem See
näher und näher. Und schon war sie hineingefallen, die wunderschöne,
wertvolle Kugel. Schwimmen konnte sie nicht, die Kleine, Tränen netzten
sie zarten Wangen. Unsagbar der Schmerz um den lieben Spielkameraden der
langen Nachmittage.
Wortfetzen
drangen an ihr Ohr, geschrieen von einem menschlichen Wesen auf den
abgeernteten Feldern der Kleinbauern am anderen Ufer des Sees. Lauthals
bot ein Lumpenmann, eine Vogelscheuche, an, das Kleinod aus dem Wasser
heraufzuholen. Er forderte dafür:
"Ich möchte essen, trinken, in deinem Bett schlafen, mit dir! Hast
du verstanden?"
"Alles, was du willst. Ich werde es tun, wenn du meine geliebte
Kugel zurückbringst."
Mitsamt
seiner lumpigen Kleidung stürzte sich die Vogelscheuche ins Wasser.
Bald darauf trat er neben ihr aus dem See, nass, prustend, immer noch
schmuddelig und übelriechend. Den Atem nahm der Alkoholdunst ihr, aus
seinen feuchten Händen glitt die goldene Kugel in ihre, und
blitzschnell lief sie hinauf zur Villa und ließ die Haustür krachend
ins Schloss fallen.
Vater
und Töchter genossen ihr Abendbrot, als die Türglocke die Stille
störte. Das junge Mädchen öffnete, erschrak, schlug die Türe zu,
warf sich dagegen. Draußen kreischte der Unerwünschte, der eklige
Kugel-Retter vom See. Der Vater, herbeigerufen von dem Getöse, bat um
eine Erklärung. Von der Sache mit der Kugel erfuhr er, forderte die
Tochter auf, das gegebene Versprechen einzuhalten.
"Eine Zusage, gegeben in der Not, muss man erfüllen, wenn diese
vorüber", sagte er.
Sie
ließ den lumpigen Übelriechenden ein, bot ihm Platz an, wobei sie der
Alkoholdunst angewidert zurückschrecken ließ. In ihrem Zimmer wies sie
ihm einen Holzstuhl in der Ecke zu und legte sich bald in ihr Bett. Dann
vernahm sie tapsende Schritte in dem dunklen Raum, das Geräusch kam dem
Bett immer näher. Mit beiden Füßen sprang sie aus dem Bett, mit ihren
Händen berührte sie groben Stoff, Alkoholdunst stieg in ihr Näschen.
Sie packte den Grobian mit beiden Händen und schob den Überraschten
ins angrenzende Badezimmer. Durch die geschlossene Tür rief sie ihm zu,
er dürfe in ihr Bett, wenn er gebadet und und frisch wieder
heraustrete. Schnell warf sie ein paar Sachen zusammen und wollte
fluchtartig das Zimmer verlassen, als ein wunderschöner, junger Mann in
der offenen Tür des Badezimmers stand, im hellen Licht der
Badbeleuchtung. Es roch nach Deo und Mundwasser. Die kranke Kraft des
Alkohols hatte ihn verlassen, ihre Schönheit hatte ihn, den jahrelang
Süchtigen, befreit.
Sie
wurden ein Paar, und mit großer Freude schaute der Vater auf das Glück
der beiden, baute ihnen ein Haus in einiger Entfernung. Beim Abschied
kamen alle Freunde des jungen Mannes zur Party, sämtliche Bier- und
Schnapsflaschen aus der bösen Zeit brachten sie mit, ließen sie auf
dem Steinboden des großen Hofes zu winzig kleinen Glassplittern
zerbersten, so dass sie fast wie die Kugel funkelten. Niemals mehr
sollte ein so schlimmer Zauber sich über dem jungen Manne
zusammenziehen.
©
Adelheid Schmidt, Koblenz 2000
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