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Klaus-Dieter Regenbrecht


Das gemeinsame Projekt der Schreibwerkstatt (VHS Koblenz, Herbst 2000),
Märchen im neuen Gewand
Kursleitung und Internet-Realisation: Klaus-Dieter Regenbrecht

Der Schmuddelkönig

In seiner wertvollen, alten Villa in einem Münchner Vorort lebte Leo, Vater zweier hübscher Töchter. Am Marienplatz betrieb er eine Boutique für Uhren und exklusiven Schmuck. Das schönste Stück in seinem Laden, eine goldene Kugel mit neun strahlenden Diamanten hatte er seiner jüngeren Tochter, der mit dem wundervollen Goldhaar, geschenkt. An ihm hing sie sehr, die Sechzehnjährige; der goldene, strahlende Ball wurde ihr liebstes Spielzeug.

An den Nachmittagen, nach Beendigung des Unterrichts durch ihren jungen Privatlehrer, lief sie leichtfüßig hinunter zum klaren See, die Grenze zu den dahinter liegenden Feldern der Kleinbauern. Die hell leuchtende Kugel warf sie hoch hinauf in die Strahlenbündel der Nachmittagssonne, wieder und wieder. Sonne und Kugel gleißten und funkelten im Wettstreit. Verliebt in den Anblick kam das junge Mädchen dem See näher und näher. Und schon war sie hineingefallen, die wunderschöne, wertvolle Kugel. Schwimmen konnte sie nicht, die Kleine, Tränen netzten sie zarten Wangen. Unsagbar der Schmerz um den lieben Spielkameraden der langen Nachmittage.

Wortfetzen drangen an ihr Ohr, geschrieen von einem menschlichen Wesen auf den abgeernteten Feldern der Kleinbauern am anderen Ufer des Sees. Lauthals bot ein Lumpenmann, eine Vogelscheuche, an, das Kleinod aus dem Wasser heraufzuholen. Er forderte dafür:
"Ich möchte essen, trinken, in deinem Bett schlafen, mit dir! Hast du verstanden?"
"Alles, was du willst. Ich werde es tun, wenn du meine geliebte Kugel zurückbringst."

Mitsamt seiner lumpigen Kleidung stürzte sich die Vogelscheuche ins Wasser. Bald darauf trat er neben ihr aus dem See, nass, prustend, immer noch schmuddelig und übelriechend. Den Atem nahm der Alkoholdunst ihr, aus seinen feuchten Händen glitt die goldene Kugel in ihre, und blitzschnell lief sie hinauf zur Villa und ließ die Haustür krachend ins Schloss fallen.

Vater und Töchter genossen ihr Abendbrot, als die Türglocke die Stille störte. Das junge Mädchen öffnete, erschrak, schlug die Türe zu, warf sich dagegen. Draußen kreischte der Unerwünschte, der eklige Kugel-Retter vom See. Der Vater, herbeigerufen von dem Getöse, bat um eine Erklärung. Von der Sache mit der Kugel erfuhr er, forderte die Tochter auf, das gegebene Versprechen einzuhalten.
"Eine Zusage, gegeben in der Not, muss man erfüllen, wenn diese vorüber", sagte er.

Sie ließ den lumpigen Übelriechenden ein, bot ihm Platz an, wobei sie der Alkoholdunst angewidert zurückschrecken ließ. In ihrem Zimmer wies sie ihm einen Holzstuhl in der Ecke zu und legte sich bald in ihr Bett. Dann vernahm sie tapsende Schritte in dem dunklen Raum, das Geräusch kam dem Bett immer näher. Mit beiden Füßen sprang sie aus dem Bett, mit ihren Händen berührte sie groben Stoff, Alkoholdunst stieg in ihr Näschen. Sie packte den Grobian mit beiden Händen und schob den Überraschten ins angrenzende Badezimmer. Durch die geschlossene Tür rief sie ihm zu, er dürfe in ihr Bett, wenn er gebadet und und frisch wieder heraustrete. Schnell warf sie ein paar Sachen zusammen und wollte fluchtartig das Zimmer verlassen, als ein wunderschöner, junger Mann in der offenen Tür des Badezimmers stand, im hellen Licht der Badbeleuchtung. Es roch nach Deo und Mundwasser. Die kranke Kraft des Alkohols hatte ihn verlassen, ihre Schönheit hatte ihn, den jahrelang Süchtigen, befreit.

Sie wurden ein Paar, und mit großer Freude schaute der Vater auf das Glück der beiden, baute ihnen ein Haus in einiger Entfernung. Beim Abschied kamen alle Freunde des jungen Mannes zur Party, sämtliche Bier- und Schnapsflaschen aus der bösen Zeit brachten sie mit, ließen sie auf dem Steinboden des großen Hofes zu winzig kleinen Glassplittern zerbersten, so dass sie fast wie die Kugel funkelten. Niemals mehr sollte ein so schlimmer Zauber sich über dem jungen Manne zusammenziehen.

© Adelheid Schmidt, Koblenz 2000