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Klaus-Dieter Regenbrecht


 

Das gemeinsame Projekt
der Schreibwerkstatt "Kreatives Schreiben"
(VHS Koblenz, Sommer 2005),
Kursleitung und Internet-Realisation:
Klaus-Dieter Regenbrecht

Anthologie zum Schiller-Jahr, Beitrag von Birgit Geissler

Fischerknabe singt im Kahn: Melodie des Kuhreihens

Es lächelt der See, er ladet zum Bade,
Der Knabe schlief ein am grünen Gestade,
Da hört er ein Klingen,
Wie Flöten so süß,
Wie Stimmen der Engel
Im Paradies.
Und wie er erwachet in seliger Lust,
Da spülen die Wasser ihm um die Brust,
Und es ruft aus den Tiefen:
Lieb Knabe, bist mein!
Ich locke den Schläfer,
Ich zieh ihn herein.

(Aus: Wilhelm Tell, Friedrich Schiller)

Es war Schiller.....

Der See glitzerte in der heißen Mittagssonne. Seine gekräuselte Oberfläche schien den Knaben, der zwischen Zigarettenkippen und leeren Coladosen tief und fest schlief, hämisch anzugrinsen.

Wusste er denn nicht, dass der See mit Fäkalbakterien verseucht war, und die Ozonwerte schon wieder über das gesundheitlich unbedenkliche Maß hinaus gestiegen waren?

Wie tief musste er schlafen, wenn er in dieser Umgebung, verschmutzt mit Unrat, Hundekot  und dem ein oder anderen vor sich hinfaulenden Fisch, noch träumen konnte?

Welche Träume versüßten seinen Schlaf, dass er die harten Worte, der sich heranschleichenden Männer, mit Engelsstimmen aus dem Paradiese in Einklang brachte?

Was dachte er, als er plötzlich, des sanften Schlafes beraubt, schon an beiden Händen gefesselt, noch den Klang der Flöten im Ohr, der sich nun aber als eine schmutzige Weise, gepfiffen  von einer ungepflegten Gestalt, enttarnte?

Als sie ihn in das Wasser zerrten, dachte er zunächst an die Probe, die er dem See entnehmen sollte. Das vorbereitete Röhrchen lag unbeachtet im Gras und würde wohl heute nicht mehr in das Institut gelangen.

Als er den ersten Schwall der ungenießbaren Brühe in seinem Mund und die Kehle hinunterlaufen spürte, dachte er an Schiller, den seine Großmutter ihm als Kind so oft rezitiert hatte, und den er um ihretwillen liebte.

Beim zweiten Schluck, seine Stimme war nur ein ersticktes Gurgeln, stieß er mit  letzter Kraft und voll Verzweiflung die so oft gehörten Worte aus:

Und es ruft aus den Tiefen:
Lieb Knabe, bist mein!

I
ch locke den Schäfer,

Ich zieh ihn herein
.

Was auch immer die beiden Schurken bewogen hatte, von ihm abzulassen, so behauptete er später immer: „Es war Schiller!“

© Birgit Geissler 2005