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Klaus-Dieter Regenbrecht


 

Das gemeinsame Projekt
der Schreibwerkstatt "Kreatives Schreiben"
(VHS Koblenz, Sommer 2005),
Kursleitung und Internet-Realisation:
Klaus-Dieter Regenbrecht

Anthologie zum Schiller-Jahr, Beitrag von Sara Hoff

Fischerknabe

Es lächelt der See, er ladet zum Bade,
Der Knabe schlief ein am grünen Gestade,
Da hört er ein Klingen,
Wie Flöten so süß,
Wie Stimmen der Engel
Im Paradies.
Und wie er erwachet in seliger Lust,
Da spülen die Wasser ihm um die Brust,
Und es ruft aus den Tiefen:
Lieb Knabe, bist mein!
Ich locke den Schläfer,
Ich zieh ihn herein.

(Aus: Wilhelm Tell, Friedrich Schiller)

 

Der kleine Körper lag rücklings auf dem Edelstahltisch. Für einen Moment herrschte eine beklemmende Stille im Raum. Der Pathologe griff zu einem der üblichen Protokolle, die er für die ärztliche Leichenschau benötigte und schaltete sein Diktiergerät ein.

Todesfälle im Kindesalter gingen ihm immer schon besonders nah, so schickte er sich an, die Angelegenheit zügig hinter sich zu bringen.

„Junge, 5 Jahre alt, Körpergröße 97 cm, Hautfarbe weiß, Haarfarbe blond. Äußere Verletzungen – keine. Hautbild – blass, bläulich. Leichenflecken nach Eindrücken – weißlich bleibend. Der Körper zeigt Anzeichen von langem Liegen im Wasser. Ebenso finden sich Sand und Muschelreste in den Haaren.“

Der Pathologe legte sein Diktiergerät zur Seite, stützte sich mit beiden Händen auf dem Tisch ab und blickte zu seiner Assistentin auf.

„Warum geschieht einem kleinen Jungen so etwas?“

Seine Assistentin fand keine eigenen Worte, doch sie sah, wie sehr ihn der Fall mitnahm und wie schwer es war Beruf und Emotion zu trennen.

„Die Kollegen von der Wache haben herausgefunden, dass der Junge mit seinen Eltern beim Picknick am See war.“

„Und warum hat niemand auf den Kleinen aufgepasst?“

„Laut Aussage der Eltern wollte der Junge zum Frösche fangen ans Ufer gehen. Als er nach einer halben Stunde nicht wieder zurück war, gingen die Eltern ihn suchen. Sie fanden ihn am Ufer im Wasser treiben. Trotz Reanimationsversuchen konnte der Notarzt jedoch nur noch den Tod feststellen.“

Der Pathologe schüttelte seufzend den Kopf.

„Großer Gott. Es muss schlimm sein für Eltern ihr Kind zu verlieren. Lassen Sie uns das hier abschließen. Man wartet auf unsere Ergebnisse.“

© Sara Hoff 2005