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Klaus-Dieter Regenbrecht


 

Das gemeinsame Projekt der Schreibwerkstatt "Kreatives Schreiben"
(VHS Koblenz, Herbst 2001),
Kursleitung und Internet-Realisation:
Klaus-Dieter Regenbrecht

Anthologie, Beitrag von Adelheid Schmidt

Anton soll das Angeln lernen

Anton, um die sechzig, steht am Wasser, wirft die Angelrute aus, seit zwei Stunden, und immer wieder. Eingehüllt in seinen moosgrünen, pelzgefütterten Parka steht er da. Sein Blick geht übers Wasser, seine Füße stehen noch im ersten Abdruck des feuchten Ufersandes; geduldig wartet Anton auf seinen ersten Fisch.

Seine Gedanken beschäftigen sich währenddessen mit dem Autorennen, das er und sein Freund Edgar morgen auf der freien Rennstrecke des Nürburgringes fahren wollen. Seit zwei Stunden wartet er hier auf Edgar, um das Unternehmen noch mal durchzuplanen. Zuhause am Telefon hat Anton seinen Freund leise um ein Treffen an der ihnen beiden wohl bekannten Angelstelle gebeten, damit ihre Frauen nichts von dem Gespräch mithörten. Die beiden Männer wollen ihre besseren Hälften morgen mit dem Vorhaben überraschen. Sie möchten nicht wieder durch "ein krankes Kind" oder ähnliches an der Durchführung gehindert werden.

Aus den nahen Büschen dringt ein Geräusch zu Anton herüber:
"Edgar, endlich! Seit zwei Stunden warte ich auf dich, die Fische wollen auch nicht anbeißen........."

Anton fehlen die Worte, als ihm aus dem dichten Gebüsch nicht Edgar, sondern ein junger schlanker Mann entgegentritt. An seiner linken Hand zieht der große, dunkelhaarige Fremde eine kleine zierliche Frau aus dem dicht belaubten Astwerk. Während Anton die beiden verwundert anstarrt, überlegt er, wie sie die gut versteckte Stelle finden konnten, außer ihm und Edgar wussten nur wenige einheimische Angler davon.

 "Wie können Ortsfremde hinter dem stark verwachsenen grünen Buschwerk den Geheimplatz weniger Inselbewohner hier finden?" Antons Lippen sprechen seine Gedanken unbewusst leise mit. Und Edgar ist noch nicht gekommen, wo bleibt ....?

Das Touristenpärchen ist bis auf etwa zwei Meter an Anton herangekommen, der junge Mann ruft ihm zu:
"He, Sie! Was machen Sie hier?"

Anton antwortet nicht auf den Anruf des jungen Unbekannten. Er dreht seinen Kopf wieder dem Wasser zu und schaut schweigend zu seiner ausgeworfenen Angelrute hin.

"Wollen Sie etwa hier angeln?" fragt der Fremde ungerührt weiter.

"Guten Tag, erst einmal!" ruft Anton, während er seinen Kopf zu den beiden jungen Leuten wendet.

"Meinen Sie mich etwa, junger Mann?"

"Wen sollte ich sonst meinen, sehen Sie noch jemanden?" 

Anton schaut schweigend zu den Büschen hin. Edgar ist noch nicht zu sehen.

"Haben Sie überhaupt einen Wurm an Ihren Angelhaken gespießt, oder haben Sie daran etwa gespart?" fragt der Junge unbeirrt weiter und weiß auch, dass Anton die Angelrute zwischendurch öfter mal aus dem Rheinwasser nehmen müsste, damit endlich mal ein Fisch anbeißt.

Anton schluckt und fragt:
"Wie lange sind Sie eigentlich schon der perfekte Angler?" 

"Gar nicht - gar nicht", antwortet der andere stolz lächelnd. "Das fundierte Wissen habe ich mir angelesen - ich bin Autodidakt!"

Bevor Anton antworten kann, das Geld für seine schlechten Lesequellen könne der Fremde zurückfordern, taucht Edgar wild gestikulierend aus dem Gebüsch auf.

Anton beginnt mit dem Einrollen der Angelschnur und räumt auch all seine anderen Utensilien zusammen. Edgar erreicht die kleine Gruppe. Der zierlichen jungen Frau und ihrem Begleiter wünscht er einen "Guten Tag", dann tritt er fragend zu dem einpackenden Freund:
"Anton, was ist los, wer ist das?"

"Bei mir hat sich niemand vorgestellt, die Namen der beiden Eindringlinge musst du selbst erfragen, wenn sie dich noch interessieren."

"Das ist dann nicht mehr so wichtig", antwortet Edgar und hilft Anton beim Aufräumen.

Das Touristenpärchen fragt betroffen:
"Wohin sind wir eigentlich geraten?"

"Wussten Sie nicht, dass Sie sich hier auf einem 'Anderen Planeten' befinden?" fragen Anton und Edgar wie aus einem Mund und lachen los.

 

© by Adelheid Schmidt, Januar 2002