Anton soll das Angeln lernen
Anton, um die sechzig, steht am Wasser, wirft die Angelrute aus, seit zwei
Stunden, und immer wieder. Eingehüllt in seinen moosgrünen,
pelzgefütterten Parka steht er da.
Sein Blick geht übers Wasser, seine Füße stehen noch im ersten Abdruck
des feuchten Ufersandes; geduldig wartet Anton auf seinen ersten Fisch.
Seine
Gedanken beschäftigen sich währenddessen mit dem Autorennen, das er und
sein Freund Edgar morgen auf der freien Rennstrecke des Nürburgringes fahren
wollen. Seit zwei Stunden wartet er hier auf Edgar, um das Unternehmen noch
mal
durchzuplanen.
Zuhause am Telefon hat Anton seinen Freund leise um ein Treffen an der
ihnen beiden wohl bekannten Angelstelle gebeten, damit ihre Frauen nichts
von dem Gespräch mithörten.
Die beiden Männer wollen ihre besseren Hälften morgen mit dem Vorhaben
überraschen. Sie möchten nicht wieder durch "ein krankes Kind"
oder ähnliches
an der Durchführung gehindert werden.
Aus den nahen Büschen dringt ein Geräusch zu Anton
herüber:
"Edgar, endlich! Seit zwei Stunden warte ich auf dich, die Fische
wollen
auch nicht anbeißen........."
Anton fehlen die Worte, als ihm aus dem dichten Gebüsch nicht Edgar,
sondern
ein junger schlanker Mann entgegentritt. An seiner linken Hand zieht der große, dunkelhaarige Fremde eine kleine zierliche Frau aus dem dicht
belaubten
Astwerk.
Während Anton die beiden verwundert anstarrt, überlegt er, wie sie die
gut
versteckte Stelle finden konnten, außer ihm und Edgar wussten nur wenige
einheimische Angler davon.
"Wie können Ortsfremde hinter dem stark verwachsenen grünen
Buschwerk den
Geheimplatz weniger Inselbewohner hier finden?" Antons Lippen sprechen seine
Gedanken unbewusst leise mit.
Und Edgar ist noch nicht gekommen, wo bleibt ....?
Das Touristenpärchen ist bis auf
etwa zwei Meter an Anton herangekommen,
der junge Mann ruft ihm zu:
"He, Sie! Was machen Sie hier?"
Anton antwortet nicht auf den Anruf des jungen Unbekannten. Er dreht
seinen Kopf wieder dem Wasser zu und schaut schweigend zu seiner ausgeworfenen
Angelrute hin.
"Wollen Sie etwa hier angeln?" fragt der Fremde ungerührt
weiter.
"Guten Tag, erst einmal!" ruft Anton, während er seinen Kopf zu
den beiden jungen Leuten wendet.
"Meinen Sie mich etwa, junger Mann?"
"Wen sollte ich sonst meinen, sehen Sie noch jemanden?"
Anton schaut schweigend zu den Büschen hin. Edgar ist noch nicht zu
sehen.
"Haben Sie überhaupt einen Wurm an Ihren Angelhaken gespießt, oder
haben Sie daran etwa gespart?" fragt der Junge unbeirrt weiter und weiß
auch,
dass Anton die Angelrute zwischendurch öfter mal aus dem Rheinwasser nehmen
müsste, damit endlich mal ein Fisch anbeißt.
Anton schluckt und fragt:
"Wie lange sind Sie eigentlich schon der
perfekte Angler?"
"Gar nicht - gar nicht", antwortet der andere stolz lächelnd.
"Das fundierte Wissen habe ich mir angelesen - ich bin Autodidakt!"
Bevor Anton antworten kann, das Geld für seine schlechten Lesequellen
könne der Fremde zurückfordern, taucht Edgar wild gestikulierend aus dem
Gebüsch auf.
Anton beginnt mit dem Einrollen der Angelschnur und räumt auch all seine
anderen Utensilien zusammen. Edgar erreicht die kleine Gruppe. Der zierlichen jungen Frau und ihrem
Begleiter wünscht er einen "Guten Tag", dann tritt er fragend
zu dem einpackenden Freund:
"Anton, was ist los, wer ist das?"
"Bei mir hat sich niemand vorgestellt, die Namen der beiden
Eindringlinge musst du selbst erfragen, wenn sie dich noch interessieren."
"Das ist dann nicht mehr so wichtig", antwortet Edgar und hilft
Anton beim Aufräumen.
Das Touristenpärchen fragt betroffen:
"Wohin sind wir
eigentlich geraten?"
"Wussten Sie nicht, dass Sie sich hier auf einem
'Anderen
Planeten' befinden?" fragen Anton und Edgar wie aus einem Mund und lachen los.
© by Adelheid Schmidt, Januar 2002