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Klaus-Dieter Regenbrecht


 

Das gemeinsame Projekt
der Schreibwerkstatt "Kreatives Schreiben"
(VHS Koblenz, Herbst 2002),
Kursleitung und Internet-Realisation:
Klaus-Dieter Regenbrecht

Anthologie 3, Beitrag von Frank Becher

Das Mädchenhaus

Ganz in einer Ecke meines Gartens, direkt neben den Apfelbäumen des Nachbargrundstücks, steht ein kleines Haus aus Holz, mit Dachschindeln aus Dachpappe. Es ist ein Gerätehaus, vor vielen Jahren mal im Baumarkt gekauft und mühsam aufgebaut. Es ist schon öfters braun mit Holzschutzfarbe gestrichen worden, und auf der Wetterseite mit dem kleinen Fenster ist Teerpappe angebracht, damit das Holz nicht so leicht verrottet. Die zweiflügelige Tür kann man weit öffnen, und dann die Geräte herausholen. Drinnen sind ein Spaten, Schaufeln, Harken, Rechen, die Sense, ein Häcksler und ein Rasenmäher, und manches andere. Und Erinnerungen. Und Kuhflecken an der Stirnwand..

„Ralf, was kostet ein Gewächshaus?“

Die Frage kam, etwas unerwartet, vom Rücksitz, von Rebecca, auf der Fahrt mit Julia und Rebecca nach Bubenheim. Julia ist – oder war - meine Freundin, und Rebecca ihre Tochter, 11 Jahre, mit aufgeweckten blauen Augen und dichten blonden Haaren, die wie bei Struwwelpeter vom Kopf abstehen - nun ja, gekämmt waren sie schon, aber halt sehr wuschelig. Rebecca war nicht sehr gross, aber sehr gelenkig. Mir hat es immer sehr imponiert, wenn sie wie ein Bergsteiger im Kamin die Türe hochkletterte – ich kannte sonst niemand, der das konnte.

„Ich weiss nicht recht, Rebecca, wie gross soll es denn sein?“ fragte ich zurück „Na ja, so wie Gewächshäuser so sind.“ „Wozu brauchst Du denn ein Gewächshaus?“ fragte ich? „Nur so“ war die Antwort.

Wenn kleine Mädchen „nur so“ sagen, soll man nicht weiter nachforschen.

„Ja“, meinte ich, „die kleinen kosten so zwischen fünfhundert und tausend Mark. Es gibt aber auch grössere und teurere.“

Damit war diese Unterhaltung erst mal beendet.

Einige Tage später, an einem Samstagnachmittag im Sommer, standen sie vor der Tür, Rebecca und ihre lang aufgeschossene Freundin Laura, zwölf Jahre alt.

„Hallo“, sagte ich, „wollt Ihr mich besuchen?“

„Na ja, “ sagen sie, „wir wollten Dich was fragen.“ Sie standen da, schauten auf den Boden - und ab und zu mal auf -, hielten die Hände hinter dem Rücken, traten von einem Bein aufs andere und schaukelten hin und her, wie es kleine Mädchen tun, wenn sie verlegen sind.

„Wir wollten fragen, ob wir für Dich arbeiten können, im Garten oder so?“

„Nanu“, sagte ich, „warum wollte Ihr denn arbeiten?“

„Wir möchten uns etwas Geld verdienen.

Zuerst dachte ich, schenk ihnen halt ein paar Mark, aber dann fiel mir ein, nein, das ist pädagogisch sicher nicht richtig, und es macht ihnen wahrscheinlich auch viel mehr Spass, wenn sie was verdienen können.

Was könnten sie denn machen? Was können kleine Mädchen arbeiten, ohne dass man sie überfordert?

„Ach ja“, sagte ich, „ich habe eine Idee. Es sind so viele Löwenzahn in meinem Rasen und auch hier zwischen den Steinen vor dem Haus, wollt ihr mir die stechen und rausziehen?“ „Oh ja“, war die Antwort, „wie macht man das?“

„Erst die Frage nach dem Honorar“, sagte ich, „darüber sollten wir uns schon vorher einigen. Sind Euch zehn Mark die Stunde recht?“ „Ja, das ist prima“, sagten sie. Und so holte ich aus dem Gartenhaus den Stechbeitel und die Schaufel, die ich extra dafür gekauft hatte, und zeigte ihnen, wie man Löwenzahn mit Wurzeln absticht und herauszieht. Sie begannen mit Feuereifer, und ich ging ins Haus. Von draussen hörte ich nur gelegentlich einen Laut, aber sonst war es sehr ruhig, wie es so ist, wenn man angestrengt arbeitet.

Nach einer guten Stunde klingelten sie wieder. Draussen lagen überall Löwenzahnpflanzen, sauber mit der Wurzel herausgezogen. Wir holen die Schubkarre und packten alle zusammen in die Biomülltonne.

Und da sah ich erst: Die Hände waren, ach je, ganz braun, von der Wolfsmilch des Löwenzahns. Zu dumm, daran hatte ich nicht gedacht.

„Kommt mal eben ins Haus, dass Ihr Eure Hände waschen könnt, aber bitte zieht die Schuhe vorher aus.“

Und sie kamen, zogen brav die Schuhe aus und drängelten sich am Waschbecken – der Dreck ging ab, auch die Fingernägel wurden durch eifriges Bürsten sauber, aber die hellbraune Farbe blieb. „Geht das wieder ab?“ fragte Rebecca? „Hm“, sage ich, verlegen, „tut mir leid, ich hätte daran denken sollen – jetzt geht das nicht gleich ab, aber keine Angst, in ein paar Tagen verliert sich das.“

„Ist nicht schlimm“, war die Antwort.

Und so nahmen sie strahlend ihr Honorar entgegen, Gottseidank hatte ich genug Kleingeld, und jede bekam ihre zehn Mark und noch fünf Mark Anerkennungsprämie. Sie hatten aber auch etwas mehr als eine Stunde gearbeitet, und so viele Löwenzähne waren noch nie entfernt worden.

Am nächsten Freitag, es war schon am frühen Abend, klingelte es wieder, und beide standen wieder vor der Tür. „Wir wollte wieder etwas arbeiten.“ Donnerwetter, so viel Fleiss – und so viel Geldbedarf? „Wie wäre es denn mit Auto waschen und polieren?“

„Ja, das ist gut, “ sagten sie, „wie geht das?“

„Ich zeige es Euch - wieder zehn Mark, für jede, ihr werdet bestimmt nicht mehr als eine Stunde brauchen, ist das recht?“

„Ja, zeig’ uns, was wir machen sollen.“

„Am besten, ich spritze das Auto mit dem Schlauch mal schnell ab, und dann könnt Ihr es trocknen, polieren und die Felgen mit der Bürste reinigen.“

Und so geschah es. Ich zog meine Gummistiefel an und fuhr den Wagen vor die Garage, nahm den Schlauch und spritzte das Auto ab.

„Schaut her, so geht das, wenn Ihr das nächste Mal mit Gummistiefeln herkommt“ – und dann gab ich ihnen das grosse Frotteetuch und die Lappen.

Rebecca, die ja sehr gelenkig ist, und der es nichts ausmacht, wenn sie sich hinhockt, bekam noch eine Wassereimer und ein Bürste, damit sie die Felgen abbürsten konnte.

Ich nahm einen Lappen, spritzte etwas Politur darauf und zeigte an einer sauberen Stelle, wie man aufträgt und anschliessend poliert.

„Wir können das schon!“ sagte Rebecca.

„Bitte passt noch auf, dass Ihr keine Kratzer macht, das wäre wirklich blöd“

„Keine Angst, “ beruhigte mich Rebecca, „wir passen auf.“

Und so ging ich ins Haus, und nach einer guten halben Stunde schaute ich nach.

Es fing schon etwas an zu dunkeln. Da standen sie und wischten mit den Lappen – und Druck - und hatten vor Eifer und Anstrengung die Unterlippe zwischen die Zähne genommen.

„Na, strengt Euch nicht so an“, sagte ich, „ganz leicht muss es gehen, einfach hin und her und nicht mit Druck.“

Sie sahen schon ein bisschen erschöpft aus. Die Politur war auch nicht so gut zu entfernen, wohl zu alt, und so suchte ich eine bessere heraus, damit ging es leichter. Beide waren aber herzlich froh, als sie nach einer Stunde fertig waren.

„Das habt Ihr prima gemacht, der Wagen glänzt ja ganz toll. Und kein Kratzer! Möchtet Ihr noch was zu trinken?“ fragte ich.

Sie nickten, und so bekamen sie jede eine Cola. Und natürlich das Geld, und eine kleine Prämie, aber diesmal wirkten sie nicht so glücklich – es war wohl einfach zu anstrengend gewesen. Und eine Frage trieb mich um: Was machten die Mädchen mit dem Geld?

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© Frank Becher 2003