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Ganz
in einer Ecke meines Gartens, direkt neben den Apfelbäumen des
Nachbargrundstücks, steht ein kleines Haus aus Holz, mit Dachschindeln
aus Dachpappe. Es ist ein Gerätehaus, vor vielen Jahren mal im Baumarkt
gekauft und mühsam aufgebaut. Es ist schon öfters braun mit
Holzschutzfarbe gestrichen worden, und auf der Wetterseite mit dem kleinen
Fenster ist Teerpappe angebracht, damit das Holz nicht so leicht
verrottet. Die zweiflügelige Tür kann man weit öffnen, und dann die Geräte
herausholen. Drinnen sind ein Spaten, Schaufeln, Harken, Rechen, die
Sense, ein Häcksler und ein Rasenmäher, und manches andere. Und
Erinnerungen. Und Kuhflecken an der Stirnwand..
„Ralf,
was kostet ein Gewächshaus?“
Die
Frage kam, etwas unerwartet, vom Rücksitz, von Rebecca, auf der Fahrt mit
Julia und Rebecca nach Bubenheim. Julia ist – oder war - meine Freundin,
und Rebecca ihre Tochter, 11 Jahre, mit aufgeweckten blauen Augen und
dichten blonden Haaren, die wie bei Struwwelpeter vom Kopf abstehen - nun
ja, gekämmt waren sie schon, aber halt sehr wuschelig. Rebecca war nicht
sehr gross, aber sehr gelenkig. Mir hat es immer sehr imponiert, wenn sie
wie ein Bergsteiger im Kamin die Türe hochkletterte – ich kannte sonst
niemand, der das konnte.
„Ich
weiss nicht recht, Rebecca, wie gross soll es denn sein?“ fragte ich zurück
„Na ja, so wie Gewächshäuser so sind.“ „Wozu brauchst Du denn ein
Gewächshaus?“ fragte ich? „Nur so“ war die Antwort.
Wenn
kleine Mädchen „nur so“ sagen, soll man nicht weiter nachforschen.
„Ja“,
meinte ich, „die kleinen kosten so zwischen fünfhundert und tausend
Mark. Es gibt aber auch grössere und teurere.“
Damit
war diese Unterhaltung erst mal beendet.
Einige
Tage später, an einem Samstagnachmittag im Sommer, standen sie vor der Tür,
Rebecca und ihre lang aufgeschossene Freundin Laura, zwölf Jahre alt.
„Hallo“,
sagte ich, „wollt Ihr mich besuchen?“
„Na
ja, “ sagen sie, „wir wollten Dich was fragen.“ Sie standen da,
schauten auf den Boden - und ab und zu mal auf -, hielten die Hände
hinter dem Rücken, traten von einem Bein aufs andere und schaukelten hin
und her, wie es kleine Mädchen tun, wenn sie verlegen sind.
„Wir
wollten fragen, ob wir für Dich arbeiten können, im Garten oder so?“
„Nanu“,
sagte ich, „warum wollte Ihr denn arbeiten?“
„Wir
möchten uns etwas Geld verdienen.
Zuerst
dachte ich, schenk ihnen halt ein paar Mark, aber dann fiel mir ein, nein,
das ist pädagogisch sicher nicht richtig, und es macht ihnen
wahrscheinlich auch viel mehr Spass, wenn sie was verdienen können.
Was
könnten sie denn machen? Was können kleine Mädchen arbeiten, ohne dass
man sie überfordert?
„Ach
ja“, sagte ich, „ich habe eine Idee. Es sind so viele Löwenzahn in
meinem Rasen und auch hier zwischen den Steinen vor dem Haus, wollt ihr
mir die stechen und rausziehen?“ „Oh ja“, war die Antwort, „wie
macht man das?“
„Erst
die Frage nach dem Honorar“, sagte ich, „darüber sollten wir uns
schon vorher einigen. Sind Euch zehn Mark die Stunde recht?“ „Ja, das
ist prima“, sagten sie. Und so holte ich aus dem Gartenhaus den
Stechbeitel und die Schaufel, die ich extra dafür gekauft hatte, und
zeigte ihnen, wie man Löwenzahn mit Wurzeln absticht und herauszieht. Sie
begannen mit Feuereifer, und ich ging ins Haus. Von draussen hörte ich
nur gelegentlich einen Laut, aber sonst war es sehr ruhig, wie es so ist,
wenn man angestrengt arbeitet.
Nach
einer guten Stunde klingelten sie wieder. Draussen lagen überall Löwenzahnpflanzen,
sauber mit der Wurzel herausgezogen. Wir holen die Schubkarre und packten
alle zusammen in die Biomülltonne.
Und
da sah ich erst: Die Hände waren, ach je, ganz braun, von der Wolfsmilch
des Löwenzahns. Zu dumm, daran hatte ich nicht gedacht.
„Kommt
mal eben ins Haus, dass Ihr Eure Hände waschen könnt, aber bitte zieht
die Schuhe vorher aus.“
Und
sie kamen, zogen brav die Schuhe aus und drängelten sich am Waschbecken
– der Dreck ging ab, auch die Fingernägel wurden durch eifriges Bürsten
sauber, aber die hellbraune Farbe blieb. „Geht das wieder ab?“ fragte
Rebecca? „Hm“, sage ich, verlegen, „tut mir leid, ich hätte daran
denken sollen – jetzt geht das nicht gleich ab, aber keine Angst, in ein
paar Tagen verliert sich das.“
„Ist
nicht schlimm“, war die Antwort.
Und
so nahmen sie strahlend ihr Honorar entgegen, Gottseidank hatte ich genug
Kleingeld, und jede bekam ihre zehn Mark und noch fünf Mark
Anerkennungsprämie. Sie hatten aber auch etwas mehr als eine Stunde
gearbeitet, und so viele Löwenzähne waren noch nie entfernt worden.
Am
nächsten Freitag, es war schon am frühen Abend, klingelte es wieder, und
beide standen wieder vor der Tür. „Wir wollte wieder etwas arbeiten.“
Donnerwetter, so viel Fleiss – und so viel Geldbedarf? „Wie wäre es
denn mit Auto waschen und polieren?“
„Ja,
das ist gut, “ sagten sie, „wie geht das?“
„Ich
zeige es Euch - wieder zehn Mark, für jede, ihr werdet bestimmt nicht
mehr als eine Stunde brauchen, ist das recht?“
„Ja,
zeig’ uns, was wir machen sollen.“
„Am
besten, ich spritze das Auto mit dem Schlauch mal schnell ab, und dann könnt
Ihr es trocknen, polieren und die Felgen mit der Bürste reinigen.“
Und
so geschah es. Ich zog meine Gummistiefel an und fuhr den Wagen vor die
Garage, nahm den Schlauch und spritzte das Auto ab.
„Schaut
her, so geht das, wenn Ihr das nächste Mal mit Gummistiefeln herkommt“
– und dann gab ich ihnen das grosse Frotteetuch und die Lappen.
Rebecca,
die ja sehr gelenkig ist, und der es nichts ausmacht, wenn sie sich
hinhockt, bekam noch eine Wassereimer und ein Bürste, damit sie die
Felgen abbürsten konnte.
Ich
nahm einen Lappen, spritzte etwas Politur darauf und zeigte an einer
sauberen Stelle, wie man aufträgt und anschliessend poliert.
„Wir
können das schon!“ sagte Rebecca.
„Bitte
passt noch auf, dass Ihr keine Kratzer macht, das wäre wirklich blöd“
„Keine
Angst, “ beruhigte mich Rebecca, „wir passen auf.“
Und
so ging ich ins Haus, und nach einer guten halben Stunde schaute ich nach.
Es
fing schon etwas an zu dunkeln. Da standen sie und wischten mit den Lappen
– und Druck - und hatten vor Eifer und Anstrengung die Unterlippe
zwischen die Zähne genommen.
„Na,
strengt Euch nicht so an“, sagte ich, „ganz leicht muss es gehen,
einfach hin und her und nicht mit Druck.“
Sie
sahen schon ein bisschen erschöpft aus. Die Politur war auch nicht so gut
zu entfernen, wohl zu alt, und so suchte ich eine bessere heraus, damit
ging es leichter. Beide waren aber herzlich froh, als sie nach einer
Stunde fertig waren.
„Das
habt Ihr prima gemacht, der Wagen glänzt ja ganz toll. Und kein Kratzer!
Möchtet Ihr noch was zu trinken?“ fragte ich.
Sie
nickten, und so bekamen sie jede eine Cola. Und natürlich das Geld, und
eine kleine Prämie, aber diesmal wirkten sie nicht so glücklich – es
war wohl einfach zu anstrengend gewesen. Und eine Frage trieb mich um: Was
machten die Mädchen mit dem Geld?
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zu Teil 2
©
Frank
Becher 2003
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