Die Zeitung
Alles
war wie immer an diesem düsteren Novembermorgen. Es wollte genau wie an
den vergangenen Tagen einfach nicht hell werden. Leichter Nieselregen und
Temperaturen um die 5 Grad luden nicht dazu ein, das Haus zu verlassen.
Wie jeden Morgen hatte ich das Radio eingeschaltet und die Kaffeemaschine
sang ihr verheißungsvolles Lied. Um ein wenig Licht in diesen Tag zu
bringen zündete ich gewohnheitsmäßig zwei Kerzen an, die anheimelnd
flackerten und verzerrte Schattenbilder an die gelb gestrichene Wand
warfen. Die Uhr tickte in ihrer eigenen Monotonie – stete Erinnerung an
die Vergänglichkeit.
Nur
leicht bekleidet machte ich mich auf den Weg zum Briefkasten. An einem
solchen Tag war die Zeitung einfach unentbehrlich. Der leichte Regen,
hartnäckig tröpfelnd ließ mich nass werden auf dem Weg zum Gartentor.
Der Kies knirschte unter meinen Füßen, die immer eiliger den Weg entlang
liefen. In Gedanken saß ich schon wieder am Kaffeetisch.
Die
zwei Kerzen, anheimelnd flackernd, die Kaffeetasse gefüllt mit
aromatischem Getränk, die tickende Uhr an der gelb gestrichenen Wand. Die
Zeitung ausgebreitet auf dem Tisch.
Wie
jeden Morgen in den letzten Tagen streckte ich erwartungsvoll meine Finger
nach dem Briefkasten aus, um ihm die Neuigkeiten zu entnehmen, die mir den
Beginn des Tages versüßen und die Langeweile an einem solchen Morgen
vertreiben sollte. Noch während ich die Klappe anhob, schob ich mir eine
feuchte Haarsträhne aus meinem nassen Gesicht. Ungläubig starrte ich in
das Innere des Kastens. Fröstelnd zog ich meine klamme Hand zurück.
Es
war wie jeden Morgen, drinnen tickte die Uhr, die Kerzen flackerten, der
Kaffee wartete auf mich, doch die Zeitung war weg – und nur weil mein
Mann wie jeden Morgen in der letzten Zeit schneller war als ich.©
Birgit Geissler 2004
|