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Der Wind wehte leicht aus Nordwest vom Niederrhein
über die Eifel her und ließ die sechzehn Flaggen der Bundesländer
am Deutschen Eck in Richtung Rheintal, Mittelrhein flattern, da wo
er am romantischsten war. Rhein und Mosel kräuselten sich unter dem
Luftzug leicht schräg gegen die Strömung und, das konnte man sehr
schön von der auf der Höhe gegenüberliegenden Festung
Ehrenbreitstein erkennen, flossen mit ihrer unterschiedlichen
Wasserfärbung einige hundert Meter nebeneinander her, bis sich das
Moselwasser in Höhe der Insel Niederwerth für immer im Rhein
verlor. Es war ein schöner, ruhiger Frühsommertag, ein Samstag,
Ende Mai; die großen Touristenströme, sofern sie sich überhaupt
noch an Rhein und Mosel verirrten, waren dabei, für dieses Jahr
erneut anzusteigen, bis sie im Herbst wieder versickerten. Auch der
Rhein, nicht ungewöhnlich für die Jahreszeit, führte reichlich
Wasser. Das Älteste, was es hier außer dem Wasser selbst gab,
waren die Namen der beiden Flüsse Rhein und Mosel. Sie hießen
schon so, lange bevor die Römer Koblenz seinen Namen gaben. Rhenus
und Mosella waren die römischen Versionen von Flussnamen einer
untergegangenen, dreitausend Jahre alten, europaweiten Sprache.
Namen sind Schall und Rauch! Namen sind Dramen mit Musik, Namen sind
Aufführungen.
Am Rheine schlage ich dann ein Theater auf und lade
zu einem großen dramatischen Feste. So hatte Wagner einst seine kühnen
Pläne mit dem Nibelungenring und Rheingold formuliert. Der Ring,
das Drama von den fließenden Anfängen des Daseins bis zum
Weltenbrand. Das Deutsche Eck war heute deshalb sehr belebt: Das
Rheingold, die Oper aus dem Nibelungen-Ring von Richard Wagner
sollte von der Rheinischen Philharmonie und Sängern des
Stadttheaters aufgeführt werden. Eine Versammlung von Freunden
hatte es werden sollen, in irgendeiner schönen Einöde, fern von
dem Qualm und dem Industriepestgeruch der Zivilisation. Sobald die
wenigen Touristen und vielen einheimischen Konzertbesucher vorbei an
den Absperrgittern aus dem Windschatten des mächtigen
Kaiserdenkmales traten, erfasste der Wind ihre Kleidung, ihr Haar,
die Programmhefte. Claudia Zickler drehte sich mit einer so knappen
Bewegung um, dass der gelbe Rheinkies unter ihren Sohlen knirschte,
und sah zu dem Denkmal des alten, verachteten Kaisers zurück, den
sie gewiss nicht hatte wiederhaben wollen:
"Hei, Kurt, hast du das gesehen?"
"Was?"
Ihr Mann hatte es nicht gesehen. Der Wind hatte für
einen kurzen Moment einen Wirbel um das massig eherne Monument
gebildet, die Fahnen wehten plötzlich in die entgegengesetzte
Richtung und hingen dann wie leblos an ihren Schnüren. Eine völlig
überfütterte Stadttaube geriet dadurch aus ihrer Flugbahn und in
die Schnüre, flatterte verzweifelt, Federn stieben durch die Luft
und die Taube trudelte nach unten, aus Claudias Blickfeld und
unbeachtet von den vielen Möwen, die oben um das Denkmal segelten,
so weit weg, dass man ihre Schreie nicht hören konnte. In die jähe
Stille hinein begann das Durcheinander des sich warmspielenden, die
Instrumente stimmenden Orchesters zu jammern.
"Och häi, de Schnorra-Edda, watt mist dau
dann häi?"
"Och häi, de Manni, watt mist dau dann häi?"
Oh Gott, Claudia sah zu ihrem Mann, der
entschuldigend mit den Schultern zuckte. Sie konnten beide nur
hoffen, dass dieser Berufskoblenzer und sein Bekannter mit
Spitznamen Schnorrer Edgar, beide mit aufgetakelten Ehefrauen,
seinen Platz nicht in Hörweite hatte. Während sie durch die Menge
zu ihren Sitzen strebten, die Instrumente weiter sich im
Stimmengemurmel warm spielten, verwehten die Mundartklänge:
"Jo waiste, isch hann gedacht, wenn häi
schunne mo watt bäim Kaisa is, dann moss ma ..."
"Jo, do moss ma in Kuldua mache, gä!"
"Dau sähs et. Hann isch da aijentlisch schun
fazällt ..."
Im Kino hatten Claudia und Kurt vor Jahren einmal
ein Reklamedia gesehen und den Text gehört, der zu einer Art geflügeltem
Wort zwischen ihnen geworden war: Behaaklischkait in jedem Roum, Möbel
nur von Rosenboum! In Ehrenbreitstein, von wo sonst nur
Leopard-Panzer auf Güterzügen ins Manöver starteten, ähnlich
"kuldualos, gä!", dampfte der Rheingold-Express. Im
achtzehnten Jahrhundert beherbergte Ehrenbreitstein eine Künstlerkolonie
um Januarius Zick. Hier lebten auch die Mutter Beethovens, die
Familie La Roche, Brentano.
Rheingold - Von
Vorzeiten und Vorzeichen
ist der mittlere Teil des Romans Die
Rheinland-Papiere
© by kloy 2000
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