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Josefine die Sängerin und das Volk der Supermäuse

Diesen Aufsatz und 18 weitere, plus 7 Cartoons finden Sie hier:
Den Widerspruch zwischen Gelesenem und
Gelebtem mit Geschriebenem lösen

Klaus Theweleit hat in seinen „Männerphantasien“ unter anderem gezeigt, dass man die Nazis nicht schon deshalb versteht, weil man viel über sie redet, sondern erst, wenn man sie reden lässt, wenn man das, was sie gesprochen und geschrieben haben, liest.

Wie kommt es, dass ein Buch wie „Milchgeld“, ein Krimi des Autorenteams Klüpfel, Kobr voller sprachlich schwerster Fehler mit unendlich vielen sachlichen und logischen Ungereimtheiten, von so vielen Lesern nicht nur gelesen, sondern auch verstanden und so gemocht wird, dass es auf der Bestseller-Liste landen konnte. Normalerweise müsste es jedem, der Muttersprachler Deutsch und mit einigermaßen Sprachgefühl ausgestattet ist, der nicht einmal sonderlich versiert in Sachen Grammatik sein muss, ähnlich gegangen sein wie mir. Ich habe das Buch beim ersten Lektüreversuch nach zwei Seiten weglegen müssen, weil es mich schwindelig machte, mir geistige Pein bereitete. Zwei, drei Jahre später habe ich es erneut versucht. Es ging wieder nicht. Und das lag nicht an der Story, am Plot, dem Fall, den Protagonisten, so weit bin ich gar nicht gekommen in meiner Lektüre, nein, es lag allein an der Sprache, am Text.

Also habe ich mit Bleistift weitergelesen und schaffte es so immerhin bis Seite 100 (von 300), die Liste der kritischen Anmerkungen zu den Fehlern und Ungereimtheiten ist ziemlich lang geworden und zeigt, dass deren Quantität und Qualität jenseits dessen liegen, was tolerierbar wäre (hier kann man sich davon überzeugen). Die erste Frage ist natürlich, hat ein solches Buch je so etwas wie Lektorat erfahren? Man kann nur hoffen, dass die Antwort „nein“ lautet. Das Buch ist zuerst in einem regionalen Verlag erschienen und wurde wegen der guten Verkaufszahlen von Piper ins Programm genommen. Die zweite Frage ist, warum im Feuilleton kein Aufschrei erfolgte, der den Verlag gezwungen hätte, das Buch vom Markt zu nehmen, zu lektorieren und zu korrigieren. Man mag auch hier wohlwollend unterstellen, dass niemand den Roman gelesen hat. Die dritte Frage schließlich, warum glauben Leser tatsächlich, das Buch „verstehen“ zu können? Und diese Frage ist nicht ironisch gemeint. Das Buch entwickelte sich so, aus einem umgekehrten Unverständnis gewissermaßen, zum Selbstläufer. (Schriftsteller, die nicht schreiben können, und Leser, die nicht lesen können, sind also ein Erfolgsrezept! Das so zu formulieren ist, zugegeben, nicht nur ironisch sondern auch zynisch, weil hier eine Ausnahme zu viel Aufmerksamkeit erfährt – hat aber nichts mit Neid zu tun).

Man stelle sich folgende Situation vor: Zwei Männer stehen an der Theke und „unterhalten“ sich über eine Frau. Der eine Mann meint: „Die sah klasse aus, weißt du, echt, so! Boah, solche Teile, ich kann dir sagen!“ Er kann aber doch nichts weiter sagen, sondern verdreht die Augen, macht mit den Händen die allseits bekannten Andeutungen: „Du weißt, was ich meine.“ „Ich versteh dich vollkommen, echt, so eine habe ich letztens auch gesehen, genau das Kaliber, geile Teile!“ kommt die Antwort. Die beiden verstehen sich hundertprozentig und wissen genau, was gemeint ist. Kommunikation ist hier nicht mehr der Austausch von Information von zwei autonomen Individuen, sondern Wahrnehmung von Bestätigung eigener Wahrnehmung. Das Medium, das Mittel, die Sprache, vermittelt nicht mehr zwischen jenseits und diesseits, zwischen dir und mir, sondern ist der Tummelplatz aller, die diesseits und jenseits nicht mehr interessiert. Wir sind hier und wir sind die Welt.

Auf diesem Niveau, sprachlich und intellektuell gesehen, allerdings nicht sozial oder moralisch, funktioniert „Milchgeld“. Nur, weil hier Situationen geliefert werden, die jedem bekannt sind, der schon einmal einen Krimi im Fernsehen verfolgt hat, kann der Leser, ohne genau zu lesen, was da steht, sagen, genau, kenn ich! Da das Ganze dann aber in einem Milieu präsentiert wird, das womöglich in einer der weniger medial ausgeleuchteten Regionen (landschaftlich wie ethnologisch) beheimatet ist (das Allgäu), ist so einer wie Kluftinger (der Kommissar) auf einmal Kult. Was im Übrigen so oder ähnlich generell für den Boom von Regional-Krimis gelten mag. Selbst Krimi-Autoren wie Stieg Larsson (s. Kommentar) schienen mehr Kompetenz in Sachen Plot zu entwickelt zu haben als in sprachlicher Hinsicht.

Das mag für die einen schlimm genug und die anderen belanglos sein, die Kehrseite der Medaille ist aber viel gravierender: Ein sauber formulierter Text, der womöglich kompliziertere Themen transportiert, die aus der ständigen Berieselung aus dem Fernsehen nicht bekannt sind, wird nicht mehr verstanden.

Und das postmoderne Dilemma geht noch tiefer. Der Poststrukturalismus hat, ich vereinfache, aufgezeigt, dass der Leser erst das Buch zum wirklichen Leben erweckt. Dass er es ist, der den Text zum Atmen bringt, indem er ihn in seiner Phantasie Konturen bekommen lässt, er ihn in seine Lebenswirklichkeit transportiert. Das geschieht relativ unabhängig vom Text und ist auf jeden Fall vom Autor nur schwer zu beeinflussen – es sei denn über den Text selber. Weshalb viele postmoderne Autoren, die sich dieser Entwicklung nicht nur bewusst sind sondern sie – im Prinzip! – begrüßen, auch stark meta-literarisch arbeiten, das heißt, dem Leser auf eine subtile Art und Weise im Text selber Kriterien und Materialien an die Hand geben, die ihm zeigen, wie man den Text lesen kann, wie man ihn verstehen kann, ihn in seine Lebenswirklichkeit übersetzen kann, ohne die Autonomie des Textes zu missachten. Denn, und das ist ein gravierender Punkt, auch die Botschaft, um im Bild von Sender – Botschaft – Empfänger zu sprechen, hat ein Recht. Weder der Autor, noch der Leser können sich beliebig darüber hinwegsetzen.

„Was will uns der Autor damit sagen?“ Wenn er das, was er sagen wollte, nicht sagen konnte, hätte er wirklich besser geschwiegen.

Das Dilemma liegt also darin, dass heute etwas passiert, was die Künstler eigentlich wollen und gefordert haben, die Autonomie und Souveränität des Rezipienten von Kunst nämlich, was aber nun auf eine Art und Weise geschieht, die überhaupt nicht im Sinne der Kunst sein kann. Es sei denn, man glaubt, Warhol habe sich mit seiner Forderung, jeder ein Star für fünf Minuten, und Beuys mit seiner Behauptung, jeder sei ein Künstler, Dieter Bohlen, deutsche Superstars und ähnlichen Sendungen als wahre Kunsterfüllung erträumt. Dann wäre tatsächlich alles Kunst und alles beliebig belanglos.

Der Künstler hat sich emanzipiert und die Rezipienten sind ebenso auf dem Wege zur Autonomie, mögen beide das Kunstwerk dabei nicht aus den Augen verlieren.

„Josefine, die Sängerin oder das Volk der Mäuse“ von Franz Kafka, ist eine sehr hellsichtige Erzählung. Vgl auch Kommentar 8

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© 2010 by Klaus-Dieter Regenbrecht