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Kommentar 19

Diesen Aufsatz und 18 weitere, plus 7 Cartoons finden Sie hier:
Den Widerspruch zwischen Gelesenem und
Gelebtem mit Geschriebenem lösen

Zum Streit Amazon vs Hachette
Oder: Neu definierte Kundenbindung vs dünkelhafte Arroganz

Es geht um zu hohe Preise für e-books, die laut Amazon besonders aus zwei Gründen nicht zu rechtfertigen sind.

Erstens: Die nicht vorhandenen Herstellungskosten bzw. Erstellungskosten für e-books rechtfertigen nicht ihren hohen Preis, denn die Produktions-Daten müssen nicht erstellt sondern nur aus dem vorhandenen Print-Buch konvertiert werden, ein wenig aufwendiger Vorgang. Das klingt logisch, ist aber nur die halbe Wahrheit, denn der e-book Markt ist ja kein zusätzlicher Markt, wer ein e-book kauft, wird keine Print-Ausgabe mehr erwerben. Die großen Verlage operieren also auch hier mit einer Art Mischkalkulation, bei der die anteilig höheren Einnahmen aus den e-books die höheren Erstellungskosten (und eventuell geringere Absatzzahlen) im Print-Bereich mittragen.

Zweitens: Wer ein e-book „kauft“, besitzt es nicht wie ein Buch. Er kann es gebraucht weder verschenken noch weiter verkaufen. Der Preis für ein e-book ist also eher eine Nutzer- oder Leihgebühr. Unter Umständen kann bei einem Provider-Wechsel auch der Zugang zum e-book weg sein. Das ist ein Argument für einen deutlich geringeren Preis der elektronischen Bücher.
Amazon argumentiert weiter, bei einem niedrigen Preis mehr e-books verkaufen und mehr verdienen zu können, die großen Verlagshäuser wie Hachette wollen den Preis auch für diese Bücher hoch halten, um insgesamt besser verdienen zu können.

Am 5. März 2015 verbietet der Europäische Gerichtshof die ermäßigte Mehrwertsteuer für e-books.
Die Europäische Kommission hatte gegen Luxemburg und Frankreich geklagt, weil diese Länder einen verminderten Mehrwertsteuersatz eingeführt hatten.
Dahinter steckte der Wunsch, gedruckte und elektronische Bücher gleichzustellen.
Die Konsequenzen dürften klar sein und die Position Amazons in der Auseinandersetzung um die Preisbindung stärken. Wenn e-books keine Bücher sind, kann auch die Buch-Preisbindung nicht gelten.
Anmerkung KD Regenbrecht, 6. März 2015

 

Ein Aspekt, den beide ins Feld führen, ist natürlich die Literatur/Kunst/Kultur, beide haben da ihre Argumente, aber es geht beiden nicht in erster Linie darum, sondern es geht um einen Wirtschafts- und Preiskampf mit der Ware Literatur/Kunst/Kultur. Dass Amazon da die besseren Karten in die Hand bekommen hat, liegt an einem Markt, den die großen Verlage Jahrzehnte lang ignoriert oder verachtet haben. Amazon verdient nämlich auch am Kleinvieh, das Mist macht, sprich Autoren, die früher hektographierte Absagen der Verlage bekommen haben und jetzt selbst ihre Bücher bei Amazon „verlegen“. Und es ist dann technisch auch kein großer Schritt, sich eine Handvoll Print-Exemplare anzufertigen und zu verkaufen. Und ein Buch, das ein Hobbyschriftsteller bei Amazon verlegt, lockt schon wieder eine Nachbarin auf das Verkaufsportal, wo sie sogar ihre Leserstimme publizieren kann; und es mit Fleiß in die Liste der „Hall of Fame-Rezensenten“ schaffen kann. - "Ach, und so günstige Klamotten gibt's da auch?!"

Wo Amazon den Begriff Kundenbindung neu definiert hat, haben die etablierten Verlage nur dünkelhafte Arroganz anzubieten.

Amazon nutzt dazu einfach nur die vorhandenen Rechnerkapazitäten und verdient am einzelnen Exemplar nicht viel, aber an der Masse der Veröffentlichungswilligen doch. Die großen Verlage gar nichts, sie lassen/ließen sich früher sogar die Portokosten für die Rücksendung der Manuskripte erstatten. Alle, die heute bei Amazon ein e-book auf eigene Faust „verlegen“ und Amazon vom ersten Exemplar an Geld bringen, haben vorher mindestens zehn Verlage mit ihren Manuskripten behelligt. Die Verlage hätten, spätestens seit es das Internet gibt, die Möglichkeit gehabt, anders mit dieser Klientel umzugehen. Man hätte Portale einrichten können für Leser und Dichterinnen, Diskussionsrunden, Wettbewerbe, die Zugang zum Verlagsprogramm versprochen hätten. Dazu ist es jetzt zu spät. Denn man macht ja exklusiv große Literatur (= großes Geld).

Das Paradoxe daran ist, dass diese neue Situation die Verlage noch behäbiger gemacht hat, sie können in aller Ruhe abwarten, bis sich ein selbstverlegtes Buch als kommerzieller Renner herausstellt und dann zugreifen. Es gibt das Beispiel Klüpfel/Kobr, die ihren Kluftinger-Krimi "Milchgeld" zuerst selbst verlegten, der dann von Piper aufgekauft und herausgebracht wurde und zwar ohne jegliches Lektorat und mit den teils grotesken Fehlern aus dem Selbstverlag.

Richtig ist: Ein großer Autor bringt mit einem Bestseller sehr viel Geld für den Verlag, aber tausende unbekannte Autorinnen und Dichter bringen Amazon wahrscheinlich nicht ganz so viel aber doch eine Menge. Und darum geht es auch in diesem Streit. Das Verlags-Argument, mit dem Gewinn der Bestseller auch weniger marktkonforme Literatur publizieren zu können, kann sich Amazon allemal ans Revers heften (und außerdem Geld verdienen). Man muss kein Hellseher sein, um den Gewinner dieses Streits vorauszusagen. Großes Geld an großen Autoren verdienen kann Amazon nämlich auch.

P.S. Mir ist bewusst, dass ich nur einen Aspekts des Streites abdecke, aber dieser Aspekt ist der Ausgangspunkt, aus dem das Kampfgetöse und die jeweiligen Maßnahmen und Verlautbarungen ihren Anfang nehmen, jedoch nicht ihre Ursache haben.
Und natürlich kann ich die Haltung der amerikanischen Autoren nachvollziehen, die mit ihren Verlagen gegen das Verhalten Amazons protestieren. Ich habe aber meine Zweifel, ob es geschickt war, sich gerade das Thema Preise/Preisbindung für e-books als Machtprobe mit dem Markt-Giganten auszusuchen.

P.P.S. Wes Brot ich ess, des Lied ich sing. Okay, schon klar. Aber es verwirrt mich doch, mit welcher Vehemenz, welch demagogischer Wortwahl und unter Verkennung oder Ausblendung verschiedener Fakten sich die Mehrzahl der Autoren auch in Deutschland auf die Seite der Verlage schlägt. Den Begriff "Geiselhaft" in diesem Zusammenhang zu verwenden, wenn gleichzeitig beispielweise ein amerikanischer Journalist nach zwei Jahren Geiselhaft enthauptet wird, ist nicht wirklich angemessen ausgedrückt.

Klaus-Dieter Regenbrecht, im August 2014