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Alle Rechte vorbehalten © All rights reserved by Klaus-Dieter Regenbrecht 1998 - 2016

 

Das Dilemma der Perspektive:
Wenn kein Stein auf dem andern bleibt,
die Steine aus allen Richtungen angeflogen kommen:
Wer steinigt wen?

Diesen Aufsatz und 18 weitere, plus 7 Cartoons finden Sie hier:
Den Widerspruch zwischen Gelesenem und
Gelebtem mit Geschriebenem lösen

 
"Die Wahl der Perspektive(n), aus der oder denen die Geschichte erzählt wird, dürfte wohl überhaupt die wichtigste Entscheidung sein, welche ein Schriftsteller zu treffen hat, denn sie wirkt sich grundlegend auf die Art und Weise aus, wie die Leser gefühlsmäßig und moralisch auf die fiktionalen Figuren und deren Handlungen reagieren werden."

"Eines der häufigsten Anzeichen eines faulen oder unerfahrenen Prosaschriftstellers ist der konsequente Umgang mit der Perspektive. (Anm. KDR, da MUSS es sich um einen Übersetzungs- oder Druckfehler handeln und 'inkonsequent' heißen, das macht der gesamte Aufsatz deutlich, denn:) (...) und plötzlich, nur für ein paar Sätze, erfahren wir, was seine Mutter über das Ereignis denkt, (...) danach geht die Erzählung wieder aus Johns Perspektive weiter."

"Selbstverständlich gibt es keine Vorschrift oder Regelung, die besagt, daß ein Roman die Perspektive nicht wechseln dürfe, wann immer der Schriftsteller es will; aber wenn es nicht aufgrund eines ästhetischen Planes oder Prinzips erfolgt, wird die Beteiligung des Lesers (...) gestört."
Aus: David Lodge, Die Kunst des Erzählens, Zürich 1993, Seite 44 ff.

Im Roman "Der Steinesammler" von Norbert Scheuer (Frankfurt/M 1999) wird auf den ersten 40 Seiten, weiter habe ich nicht gelesen und werde ich nicht lesen, mehrfach, auch innerhalb der recht kurzen Kapitel, die Perspektive gewechselt; er erzählt auktorial. Trotz ständiger Perspektivwechsel bleibt der Blick der selbe. Das ist weder den wohlwollenden Rezensenten des bundesdeutschen Feuilletons noch den Juroren des Koblenzer Literaturpreises aufgefallen. Der Ton bleibt sich ebenso gleich, was heute gern mit einem eigenen Stil verwechselt wird. Ich halte ihn, den Ton, da die auktoriale Erzählhaltung mit wechselnden Perspektiven vermischt wird und ein Intellektueller, der Blicker, so tut, als wolle er den Deppen seine Stimme leihen, für einen denunziatorischen: So sind die in der Eifel! (So sind sie zwar nicht, aber man kann sie so sehen und vorführen). Was denen in den großen Städten (Hamburg, München ...) und in den nicht ganz so großen (Koblenz) bestens in den Kram passt.

Dass "Der Steinesammler" tolle Passagen hat (wenn der Autor Braden für sich alleine hat und ihm keine anderen Figuren in die Quere kommen) und Literatur ist, darüber muss man nicht streiten, aber Literatur über das Dilemma einer bestimmten Intelligenzia - und darüber liest diese bekanntlich am liebsten, weil es ganz offensichtlich erhebend für sie ist, "authentisch" an den noch beschisseneren Lebensbedingungen von ein paar Menschen irgend wo in einer fernen Eifel (und die kann in New York City sein) teilzuhaben.

Der ständige Perspektivwechsel bei Scheuer, von Hause aus Lyriker, ist wahrscheinlich darauf zurückzuführen, dass er nicht anders kann, als aus der Position des lyrischen Ichs zu schreiben, obwohl er sich wahrscheinlich gerade durch den Perspektivwechsel erhoffte, vom lyrischen Ich weg und hin zu einer erzählerischen Form zu finden. Die Tatsache, dass an diesem Roman die Sprache gelobt wird, die unverbrauchten Metaphern, verweist deshalb auf ein grundsätzliches Übel in der deutschen Gegenwartsliteratur, bzw. ihrer Rezeption. Romane, Erzählungen werden durchgängig nach den Kriterien Sprache, Metaphern beurteilt.

Wenn sich ein Autor um einen interessanten Plot und sauberes Erzählhandwerk kümmert, aktuelle Motive und Themen in einer heutigen Sprache verarbeitet, läuft er Gefahr, als trivial beiseite geschoben zu werden. Kein Wunder, dass der deutsche Gegenwartsroman in der Welt nichts mehr gilt. Mit dem Propagieren und Protegieren der Metaphern/Sprache-Romane und der Vernachlässigung des erzählerischen Handwerks überlässt man kampflos das Feld des Gegenwartsromans den viel gescholtenen Anglo-Amerikanern, bei denen ein Roman ein Roman ist und kein aufgeblähter lyrischer Erguss.

Pikante Marginalie: Für die Auszeichnung dieses handwerklich mangelhaften Produktes zeichnet die Handwerkskammer Koblenz über den Freundeskreis der Universität mitverantwortlich. Die anderen sind: Germanistisches Seminar der Uni Koblenz, Theater der Stadt Koblenz, dessen Freundeskreis, Volksbank Mittelrhein (Hauptsponsor).

Damit es nicht im Bereicht der Behauptung bleibt: Ein Beispiel 

© by Klaus-Dieter Regenbrecht, Koblenz 2000