Home

Alle Rechte vorbehalten © All rights reserved by Klaus-Dieter Regenbrecht 1998 - 2020
 

Sehr geehrter Herr Michael Au,

in Ihrer diesjährigen Ausschreibung für das literarische Arbeitsstipendium findet sich wieder die Formulierung
„... mindestens eine eigenständige Buch-Veröffentlichung in einem anerkannten Verlag haben (nicht im Selbstverlag und nicht in einem Zuzahl-Verlag).“

Ich halte die Klausel für problematisch. Lassen Sie mich zunächst klarstellen, dass ich in meiner fast 40-jährigen Tätigkeit als freiberuflicher Schriftsteller und mit einem eigenen Verlag immer wieder in Aufsätzen und Diskussionen gegen die Praktiken der sog. Druckkostenzuschussverlage, oder wie Sie es ausdrücken „Zuzahl-Verlage“, gewendet habe, und 2001 mit einer Unterlassungsklage im Wert von 100.000 DM konfrontiert wurde.

Der Begriff Selbstverlag ist ja noch einigermaßen unproblematisch. Mein Tabu Litu Verlag besteht seit 1985 und ist ein ganz normaler Verlag mit VLB-Eintrag und jährlichen Gebühren an die MVB GmbH, also den Börsenverein des Deutschen Buchhandels. Ich bin mit meinem Verlag Mitglied im Verlags-Karree e.V. und seit Jahren in Leipzig wie in Frankfurt auf den Buchmessen mit einem Stand präsent.

In meinem Verlag habe ich vor einigen Jahren das Buch eines anderen Autoren verlegt, ohne dass er sich dabei finanziell beteiligen musste. Aber wer will mir als Verleger vorschreiben, welche Bücher ich zu verlegen habe? Ich habe über 20 eigene Titel in meinem, sowie eine Buchveröffentlichung in einem anderen Verlag. Ich könnte mich also mit dieser Argumentation für ein Arbeitsstipendium bewerben, unterlasse das aber natürlich.

Der Begriff Zuzahl-Verlag ist noch problematischer, denn sind nicht auch (Mindest)Abnahmen von Büchern Zuzahlungen? Und sind nicht auch Lesungen geldwerte Leistungen für den Verlag?Unhonorierte Lesungen müssten also zum Ausschluss der Bewerber führen. Selbst wenn Sie sich die Verlagsverträge vorlegen ließen, was Sie nicht verlangen dürfen, wären solche und ähnliche, besonders mündliche Absprachen nicht nachvollziehbar, die mittlerweile selbst von renommierten Verlagen ihren Autoren abgenötigt werden. Auf der anderen Seite kenne ich Fälle, in denen Amazon erfolgreichen Schriftstellerinnen ein großzügiges Reisestipendium für ihr nächstes Kindle-Projekt gewährt hat.

Mir ist sehr wohl bewusst, dass die von mir inkriminierte Formulierung nach wie vor in anderen Ausschreibungen zu finden ist, weil sie seit Jahr und Tag so angewendet wurde und wird. Die literarische Landschaft, das Verlagswesen haben sich jedoch in den letzten Jahren dramatisch verändert. Deshalb gibt es bereits in vielen Einrichtungen Bemühungen, sich diesen Herausforderungen zu stellen.

Warum verzichten Sie für den Anfang nicht auf die obsolete, formal fragwürdige Formulierung? Die Jury hätte immer noch völlig freie Hand bei ihren inhaltlichen Entscheidungen.

Ich darf Sie darauf hinweisen, dass ich den Inhalt dieses Schreibens öffentlich machen werde; auf meiner Website www.kloy.de (unter „Kommentare“) und in den social media, beispielsweise auf Facebook, um vielleicht eine Diskussion anzustoßen.

Mit freundlichen Grüßen

Klaus-Dieter Regenbrecht

Der erwähnte Text, der die 100.000 DM Unterlassungsklage bewirkte, ist hier zu finden. Natürlich ohne den Namen des Klägers. Wer mehr wissen möchte, dem empfehle ich meine Autobiografie "Paradise with Black Spots and Bruises - Stories, Pictures, and Thoughts of a Lifetime."

Die lieblose, völlig uninspirierte Art und Weise, wie die Ausschreibung seit Jahren veröffentlicht wird, zeigt, denke ich, deutlich, wie gering die Wertschätzung der literarischen Arbeit im Lande ist. Als Gegenbeispiele möchte ich Nordrhein-Westfalen und Literaturland Thüringen anbieten.

Ich kann ja auf einige Jahrzehnte literarischer Tätigkeit, künstlerischer wie ehrenamtlicher, zurückblicken und war dabei, als Rudolf Scharping mit Rose Götte frischen Wind nach Rheinland-Pfalz brachte. Höhepunkt waren für mich die Rheinland-Pfälzischen Literaturtage in Koblenz 1996 mit einem Etat von 60.000 DM, die ich organisieren durfte, eine Woche mit Schullesungen, Filmvorführungen, Tanztheater, Musik und natürlich Lesungen auf einem Schiff und und ... und die spätere Literatur-Nobelpreis-Trägerin Herta Müller war auch im Koblenzer Schloss dabei.

Danach ging es nur noch bergab, neue Ministerpräsidenten/in, neue Minister, neue Staatssekretäre, neue subalterne Beamte. Heute ist der Stand der Literaturförderung weit unter dem, was die Regierung Scharping von der CDU-Regierung übernommen hatte. Was das Ganze noch schlimmer macht, ist der Umstand, dass die Bundesländer, die damals schon mehr für die landeseigenen Künstler taten, fortgeschritten sind.

Abgewirtschaftet. Das fällt mir dazu ein, und obwohl ich dafür nicht verantwortlich bin, empfinde ist das als peinlich, peinlich, peinlich. Und ich denke, das wird sich bei den nächsten Wahlen zeigen. Den Umgang mit Nebenaspekten wie Kultur und Kunst, nicht nur wegen dieser albernen Standort-Kriterien, erachte ich als symptomatisch für die Kompetenz einer Landesregierung.

Noch ein postscriptum in selbiger Angelegenheit: Als Ende der 80er Jahre neue Vorstände für den VS und dessen Förderkreis in RLP gewählt wurden (ich war in beiden zunächst Schriftführer, später im Förderkreis Vorsitzender), wurde die gesamte Mannschaft zum Kennenlernen-Gespräch und Ausloten zukünftiger Projekte ins Ministerium zum damaligen CDU-Kultusminister Gölter geladen. Das müsste man heute mal dem Wolf erzählen.

Zurück zur Übersicht aller Kommentare

© 2019 by Klaus-Dieter Regenbrecht