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Alle Rechte vorbehalten © All rights reserved by Klaus-Dieter Regenbrecht 1998 - 2020
 

Wie die Corona-Krise aufdeckt, was schon immer geschieht:

Ich will mal ein wenig aufdröseln, warum viele Künstler eine eigene Existenzform in ihrem Leben gefunden haben, finden mussten, die mit den formalen Kriterien von Förderung durch Ämter jedweder Art nicht zu erfassen ist, und warum die Hilfsprogramme ihnen nicht helfen. Ich greife zwei Beispiele heraus und fange mit meinen Steuererklärungen für 2018 an, die von meinem Steuerberater gekommen sind und auf meinem Schreibtisch liegen. Das ist ein Ordner, der folgendes enthält:

  • Gewinnermittlung ...   (insgesamt 10 Blätter)

  • Einkommenssteuererklärung (Formular)

  • Ergänzungsliste ...

  • Angaben ... (Formular)

  • Sonstige Vorsorgeaufwendungen

  • Einkünfte aus selbständiger Arbeit (Formular)

  • Einnahmenüberschussrechnung (Formular)

  • Anlage ... (Formular)

  • Einkünfte aus ... (Formular)

  • Ergänzungsliste zur Anlage

  • Renten und andere Leistungen (Formular)

  • Anlagen einmal 8 und einmal 3 Seiten

  • Umsatzsteuererklärung

  • Dazu eine Anlage von 3 Seiten

Klar, dass der Steuerberater auch was kostet. Unglaublich viel Papier für am Ende wenig Geld. Es sind zwar viele einzelne Posten, die aber alle eher geringfügig sind. Meine Rente ist aufgrund meiner überwiegend selbständigen und freiberuflichen Tätigkeit sehr gering. Zusammen mit den anderen Einnahmequellen falle ich jedoch gleichzeitig aus allen möglichen Unterstützungsmaßnahmen heraus.

So war das im Prinzip mein ganzes Leben lang. Die Ferien-, Studenten- und sonstigen Jobs außer Acht lassend, bleiben an Tätigkeiten, die meinen Lebensunterhalt zu unterschiedlichen Zeiten und in unterschiedlichem Ausmaß gesichert haben als jemand, der sein Geld mit Sprachen (Deutsch, Englisch, basic banalytic etc.) und Literatur verdient, folgende: Schriftsteller, Verleger, Lektor (auch Examensarbeiten u.ä.), Text-Korrektor und -berater, Übersetzer (Deutsch-Englisch, Englisch-Deutsch), Lehrer, Dozent, Coach (z.B. Vorbereitung für Vorstellungsgespräche in Englisch), Journalist (für eine regionale Zeitung), Satz und Layout, Website-Design (nur einmal und ist lange her), Bildungs- und Veranstaltungsmanagement, Gästeführer (BUGA 2011, deutsch und englisch), Festredner und Moderator.

Das Problem dabei ist, dass fast alle Einzelposten bei den Einnahmen unterhalb der automatischen Besteuerungsgrenze liegen (selbständige Tätigkeiten sowie so), Steuer wird also erst dann fällig, wenn die Jahreserklärungen abgegeben werden. Ein gutes Jahr hat zur Folge, dass man Steuern nachzahlt, und für das laufende Jahr Vorauszahlungen leistet. Dieses oder das nächste Jahr kann aber schon wieder ganz anders aussehen. Dann kann es passieren, dass bei deutlich schlechteren Einnahmen deutlich höhere Ausgaben zu tätigen sind. Zurücklegen geht nicht, weil in guten Jahren meistens Anschaffungen nötig sind, die man sich sonst nicht leisten kann. Manchmal ist man gezwungen, selbst wenn später Erstattungen erfolgen, schlechte Phasen mit hohen Ausgaben mit einem Kredit zu überbrücken, was dann wiederum bedeutet, dass Zinsen anfallen; und die waren nicht immer so günstig wie heute.

Ein zweites Beispiel: Agentur für Arbeit.

Ich war über 20 Jahre bei der KSK kranken- und rentenversichert. Mit über 50 habe ich neben meinen selbständigen Tätigkeiten dann einen Zweijahresvertrag (angestellter Lehrer, Teilzeit) bekommen, daraufhin hat mich die KSK rausgeworfen. Nach einigen Zwei-Jahres-Verträgen gab es keine Verlängerung mehr und ich musste mich arbeitslos melden, weil ich sonst keine Kranken- und Rentenversicherung gehabt hätte. Ich habe der Agentur erklärt, dass ich weiter meine selbständigen Tätigkeiten ausführen werde, die im Schnitt einen bestimmten Betrag erbringen, den möge man bitte vom Arbeitslosengeld abziehen.

Wie es bei selbständigen Tätigkeiten so ist, die Einnahmen schwanken: Feiertage, Ferien, Prüfungen, Lesungen, Buchverkäufe usw. Nun war ein Monat dabei, der über dem von mir angegebenen Schnitt lag, und gleich wollte man mich rauswerfen, bestrafen. Drei Seiten gingen an den Amtsleiter, in denen ich dargelegt habe, dass ich, wenn ich die Einnahmen in diesem einen Monat gekappt hätte, einen oder zwei meiner Jobs gar nicht hätte ausführen können, ich also nicht den anvisierten Schnitt insgesamt hätte erreichen können. Erst am Monatsende weiß man, was stattgefunden hat und hat immer noch keine Garantie für den nächsten Monat.

Die Sachbearbeiterin hat mir zu verstehen gegeben, dass es viel einfacher gewesen wäre, wenn ich alle Jobs hingeschmissen und mein Geld kassiert hätte. Dass sich über einen dieser Jobs wieder neue Jobs ergaben, passte nicht in die Formularvorgaben. Bei den Ämtern ist man sehr unglücklich über Existenzen wie meine, die nur viel Arbeit machen.

Dass ich ab 2001 alleinerziehender Vater von zwei 18- und 14-jährigen Jugendlichen war, und trotzdem Steuerklasse 1, ist allerdings eine Ungerechtigkeit, die nicht nur Künstler betrifft.

Wie gesagt, zwei Beispiele, auch mit der Deutschen Rentenversicherung gab es Auseinandersetzungen, die mich viel Geld und Zeit gekostet haben.

Die Corona-Krise zeigt nur in aller Deutlichkeit auf, wie brutal sämtliche Finanz- und Sozialgesetze, -verordnungen und -bestimmungen die Lebens- und Arbeitsbedingungen von Künstlern verkennen und zwar schon immer.

Das steuerfreie Einkommen 2018 betrug 9.000 Euro; man kann sich leicht ausrechnen, welchen Spielraum ein Freiberufler, eine Soloselbständige oder ein Rentner hat. Die Erhöhung dieser Grenze würde tatsächlich den Spielraum und die Wirtschaftlichkeit über die Jahre hinweg erweitern. Das wäre eine wesentlich effektivere Unterstützung als die jetzt unters Volk gestreuten Corona-Millionen.  


Klaus-Dieter Regenbrecht, Koblenz im Mai 2020

Note: This comment is not corona-free. 

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