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Alle Rechte vorbehalten © All rights reserved by Klaus-Dieter Regenbrecht 1998 - 2021

 

Die Verstümperung der Welt
Über Masse und Hypokrisie

Ausgehend von Masse und Mensch (e.g. Elias Canettis „Masse und Macht“), der populistischen, wenn nicht faschistoiden Grundtendenz vieler Massenbewegungen, geht es mir um die sog. social media, die ja im eigentlichen Sinne Massenmedien sind, viel weitergehend als es herkömmliche Massenmedien, Zeitungen, Rundfunk, Fernsehen, jemals sein konnten. Nie war Masse anonymer und körperloser, nie war Masse massenhafter und mächtiger. Beispiel Trump und Twitter. Praktisch ohne finanzielle und intellektuelle Mittel konnte Trump Massen mobilisieren, wofür die Nazis einen ungeheuren Propagandaapparat und kriminellen Zwang benötigten.

Denken wir weiter an die Diskussion um Amanda Gorman. Obwohl objektiv betrachtet keine einzelne politische oder gesellschaftliche Institution direkten Einfluss genommen hat, beugte sich der Verlag dem Druck der Masse in den sog. social media in Bezug auf die Übersetzung der Gedichte ins Deutsche. Denn von den Wellen, den shit storms und der Cancel Culture, breiten sich die Erschütterungen in die öffentliche Debatte der analogen Welt aus. Dabei: Wer fordert, eine weiße Frau dürfe die Gedichte einer schwarzen Frau nicht übersetzen, ist nicht weniger rassistisch als jemand, der sagt, eine schwarze junge Frau darf nicht auf der Inauguration eines weißen alten Mannes ihre Gedichte vortragen. Die Frage mag ironisch klingen, aber auch dies könnte bald ins Gerede kommen: Sind nicht auch Löwen in Städte- und Länderwappen koloniale Aneignung?

Natürlich gibt es in der Antirasissmus- wie in der Genderdebatte jede Menge „ja, aber“ Argumente, die letztlich jedoch auf double standards basieren; und doppelte Moral war noch nie eine gute Voraussetzung zur Schaffung einer besseren, gerechteren Welt. Und es ist perfide, sich auf Kosten längst Verstorbener, in einer historisch nicht vergleichbaren Situation, moralisch überlegen zu fühlen. Ja, die Menschheit entwickelt sich nicht nur biologisch und technisch, nein, auch ethisch und moralisch. Und das ist gut so.

Instagram, Influencer, Blogger. Auch hier wird es dann gefährlich, wenn man Kommerz und Konsum verlässt und sich in gesellschaftlich oder politisch brisante Themen einklinkt; zuletzt geschehen im erneuten militärischen Gewaltausbruch zwischen Israel und Palästina. Gefährlich deshalb, weil eine Differenzierung nicht einmal ansatzweise möglich, aber auch gar nicht gewollt ist, weil in diesem Milieu nichts abschreckender wäre als eine komplexe Darstellung. Es muss kurz sein, es muss plakativ bis provokant sein. Und es muss nicht wahr sein. Daher erklärt sich auch die generelle Ablehnung, bzw. Gängelung von Kunst und Wissenschaft: zu komplex, zu wenig domestizierbar.

Der Sexismus der Hardcore-Genderer:innen (HG) geht viel weiter und ist viel brutaler als derjenige der Männer, die einfach nur Frauen diskriminieren und homophob sind, sofern sie aus der Zeit gefallene sich absolutistisch gebende Machthaber wie Orban oder Putin sind. HG reicht die Diskriminierung zwischen Mann und Frau nicht, ins Detail gehende Differenzierung nach sexueller Orientierung wird jedem Individuum abverlangt, was nicht nur scharfer Sexismus ist. Die bekennende und diffamierende Klassifizierung AA, „anonyme Asexuelle“, wird bald zusätzlich zu LGBTQI (Lesbian, Gay, Bi, Trans, Queer und Intersex) notwendig sein. Die Differenzierung „IS“ und „IP“ wird dann auch eingeführt werden müssen, „IS“ im Sinne von Intersex, „IP“ für die Impotenten. Es soll Menschen geben, unter ihnen nicht nur ganz junge und ganz alte, die sich überhaupt nicht oder nicht in erster Linie über ihr Geschlecht und ihre sexuelle Orientierung identifizieren, wo bleiben deren Rechte? Behördlich verordnete Sprachbereinigung war noch nie, weder in der Realität noch in der Fiktion, Kennzeichen einer aufgeklärten, liberalen Gesellschaft, sondern immer repressiven und totalitären Systemen eigen. Es ist richtig, Sprache ist ein Spiegel der Wirklichkeit, aber noch nie wurde die Realität verändert, indem man das Spiegelbild manipuliert.

Was einst Joseph Beuys „Jeder ein Künstler“ und Andy Warhol „Jeder für fünf Minuten ein Star“ forderten, ist auf eine erschreckende Art und Weise wahr geworden. Die Dominanz und der Terror der Masse der Stümper.

Indem sinnvolle Ansätze, wie Diskriminierung aufgrund von Geschlecht oder Rasse zu überwinden, durch das populistische Massenphänomen der sog. social media aufgegriffen, instrumentalisiert und skandalisiert werden, kehren sich die Effekte der Bewegungen in ihr Gegenteil; es wird also rassistischer und sexistischer als das, was überkommen werden sollte. Die Protagonisten dieser scheinheiligen Weltanschauung: „Wir verwenden das Gender*, wir verwenden nicht das N-Wort, wir sind deshalb die besseren Menschen“, sind in politisch verantwortliche Positionen gelangt, wo sie die gutgemeinten, aber in ihrer Konsequenz nicht zu Ende gedachten Maßnahmen durchsetzen können.

Und damit wären wir beim Ausgangspunkt: Der Besetzung wichtiger gesellschaftlicher Themen, ihrer massenhaften Machtübernahme durch die anonymen Stümper der sog. social media, die ja nun alles andere als sozial sind, und derer, die es gut meinen, aber nicht gut können.

Der Aspekt Hypokrisie lässt sich also beim Gendern und Antirassismus leicht nachweisen. Daran nämlich, dass sich zum Beispiel Verlage und Redaktionen durch die moralische Keule einschüchtern lassen und einknicken. In vielen Künstlerverträgen finden sich mittlerweile Klauseln, die dezidiert die Unterlassung unliebsamer Äußerungen festhalten. An den wirklichen Verhältnissen wird nichts verändert, dafür setzt man auf Unterdrückung und Verdrängung. Ohne Kolonialismus gäbe es keine Globalisierung, ohne Globalisierung keine preiswerten Smartphones und Computer, die Hardware der sog. social media, deren Komponenten und Herstellung bekanntermaßen nach wie vor Kinderarbeit und sklavenähnliche Abhängigkeiten bedingen. Daran ändert Sprachbereinigung absolut nichts.

Klaus-Dieter Regenbrecht, Koblenz im Juni 2021

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