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Alle Rechte vorbehalten © All rights reserved by Klaus-Dieter Regenbrecht 1998 - 2021
 

Dieser Aufsatz ist eine Präzisierung zu dem vorausgegangenen Kommentar
Das Dilemma der Perspektive:
("Der Steinesammler" von Norbert Scheuer, Frankfurt/M 1999)
Der ursprüngliche Teil stammt von 2000, der ergänzende von 2011
 

Zuerst das aktuelle und positive Beispiel 2011: Selbstverständlich ist dem auktorialen Erzähler prinzipiell alles erlaubt. Ich darf deshalb eine geniale Handhabung dieser Erzählweise als Gegenbeispiel voranstellen. Aus "Against the Day" von Thomas Pynchon (New York 2006):

"Pedestrians below were moving at their accustomed gaits, sitting at the tables in front of Florian and Quadri, if Francophile raising toasts to Bastille Day, feeding, photographing, or cursing the pigeons, who, aware of some baleful anomaly in their sky, stuttered wildly into the air, then, reconsidering, settled, only to sweep a moment later heavenward again, as if on the strength of a rumor." (S. 255)

Die Perspektive der Fußgänger unten (pedestrians below) erschließt sich erst mit dem Beginn des nächsten Abschnitts:

"Seen from the ground, the rival airships were more conjectural than literal - objects of fear and prophecy, reported to perform at speeds and with a manoeuvrability quite unavailable to any official aircraft of the time - condensed or projected from dreams, estrangements, solitudes." (S. 255)

Vom Boden aus gesehen (seen from the ground) erkennt man also die beiden konkurrierenden Luftschiffe und weiß, dass es deren (bzw. deren Insassen) Perspektive ist hinunter auf den Platz und die Tauben. Womit sich auch das "Gerücht" (the strength of a rumor) als absolut konsequentes Bild darstellt. Die Luftschiffer hören nicht, was unten gesprochen wird, aber es kommt ihnen vor, als würden dort unten Gerüchte verbreitet, die die Tauben auffliegen lassen. Damit wird das Bild der Tauben, die wie von der Kraft eines Gerüchtes getrieben in die Luft flattern (genau stutter = stottern; großartige Metapher: der unregelmäßige Flügelschlag der Tauben beim Auffliegen), nicht weniger schön, aber vor allem zeigt sich hier, wie ein kompetenter Erzähler konsequent die Befindlichkeit der Figuren vermittelt. Ihre Wahrnehmung ist eindeutig aus ihrer Befindlichkeit gespeist und es sagt eine Menge über ihr Verhältnis zu "unten", wenn sie dort Gerüchte vermuten.

Die "unheilvolle Anomalie an ihrem Himmel" (baleful anomaly) ist ein emphatischer Perspektivwechsel auf die Sicht der Tauben oder der Menschen am Boden. Auch das "reconsidering" (sie überlegen es sich noch einmal) ist Taubenperspektive oder vielleicht emphatische Wahrnehmung eines Luftschiffers, in seinem Luftschiff, der unheilvollen Anomalie. Es geht ein paar Mal von unten nach oben und umgekehrt, aber immer ist es absolut schlüssig und eindeutig in seiner Genauigkeit und schillernden Ambiguität. Das ist ein wunderbares Wechselspiel zwischen unten und oben, Mensch und Tier, dem Luftschiff und Venedig (die Stadt unten), Furcht und Prophezeiung (fear and prophecy). Man könnte jedes einzelne Bild, jedes Wort in seinem Zusammenhang interpretieren und würde immer nur Stimmiges finden. Das ist schön und das ist gekonnt, das ist elegant und kommt ganz leicht daher. Wenn ich solche Sätze lese, dann macht das mich auf der Stelle glücklich. Und ich weiß, wenn ich nur diese zwei Sätze interpretiere und auseinander nehme, werde ich perfektes Handwerk finden und absolute Könnerschaft.

Wenn ich Sachen wie den Steinesammler lese oder „Milchgeld“ von Klüpfel/Kobr, dann dreht sich mir der Magen um und ich weiß, wenn ich das interpretiere und auseinander nehme, finde ich nur Mist: falsche Bilder, handwerkliches Gestümpere und groteske Perspektivwechsel. Wie viel schöner sind solche Worte:

... objects of fear and prophecy, reported to perform at speeds and with a manoeuvrability quite unavailable to any official aircraft of the time - condensed or projected from dreams, estrangements, solitudes." (Pynchon S. 255) ... verdichtet (kondensiert) oder ausgetüftelt (projektiert) aus Träumen, Entfremdung, Einsamkeit. Der Link zur deutschen Ausgabe "Gegen den Tag". Die Worte "condensed or projected" zeigen sehr schön, in welchem Dilemma ein Übersetzer steckt. Er/sie muss sich entscheiden zwischen der mehr technischen oder der mehr literarischen Variante.

© by kloy 2011

Hier das Gegenbeispiel

"Du stinkst wie ein Schnapsladen", sagte der Busfahrer ungeduldig, kurbelte am Fahrscheinausgeber, riß den Schein ab, schimpfte, daß die Züge dauernd Verspätung hätten und er warten müsse. (...) Der Fahrer blickte in den Innenspiegel, bevor er losfuhr. Leute aus Keldenich und Zingsheim saßen im Bus, Kinder von den Siedlungshöfen, die im Hallenbad gewesen waren, Bärbchen mit ihrer Tochter Mechthild und Mättes, der wie Braden lange vergebens an der Straße auf einen Steinlastwagen gewartet hatte. Milli saß auf der letzten Bank, lehnte mit der Stirn am Fenster und summte etwas, während Braden durch den Gang zu ihr hin torkelte. Als der Bus losfuhr, blieb er mit seiner Jacke an einem Sitz hängen.
»Ich werf dich raus, wenn du mir in den Bus kotzt«, schrie der Fahrer." (Norbert Scheuer, Der Steinesammler, Frankfurt/M. 1999, S. 27).

Dieser Abschnitt ist ganz klar aus der Perspektive (Innenspiegel) des Busfahrers geschildert, dessen Perspektive jedoch zweimal durchbrochen wird, weil er nicht wissen kann, worauf Mättes und Braden 'lange vergebens' gewartet haben, und er kann auch nicht hören, dass 'Milli summte'. Der Bus fährt mittlerweile.

"Milli sah nach draußen zu den Sandsteinfelsen, in denen Millionen von Quarzpartikeln glitzerten. Einen Moment lang wußte sie gar nicht, wo sie war, dachte, in einem fernen, unbekannten Land zu sein, auf einem Schiff an einer Meeresküste mit rötlichen Klippen." (A.a.O., S. 27)

Auch hier wird Millis Blick, ihre Perspektive, durch ein Detail durchbrochen, das eindeutig in Bradens, des Steinesammlers, Wahrnehmung fällt: 'Quarzpartikeln glitzerten'. Sie wird ihm gleich im Bus einen billigen, blau angemalten Stein schenken, zu dem es dann richtigerweise aus Bradens Perspektive heißen wird 'Es war blau angemaltes, vom Wasser rundgeschliffenes Sedimentgestein.' (A.a.O., S. 29). Es geht weiter bei Milli, Anschluss 'Klippen':

"Dann sah sie Bärbchen mit ihrer Tochter, die neugierig zu ihr hinsah und Braden beobachtete, der sich neben sie setzte. Bärbchen sah aus wie eine alte Hexe mit weißen langen Haaren am Kinn. Braden war mit ihr verwandt. Hin und wieder reparierte er ihre Weidezäune, das Schuppendach, machte im Sommer das Heu für sie. Mechthild schrie mit heller piepsiger Stimme - sie mußte schreien, weil Bärbchen schwerhörig war. Sie beobachtete Braden, der nun neben Milli saß und schwieg, es war schon immer so gewesen, sobald er in ihre Nähe kam, verlor er auf eigentümliche Weise die Besinnung, als hätte sie einen Duft an sich, der ihn betäubte und willenlos machte." (A.a.O., S. 27 f.)

Es geht also eindeutig zunächst mit Millis Perspektive auf Bärbchen und Tochter weiter, der Satz 'Braden war mit ihr verwandt' könnte noch ihre Perspektive sein, aber auch schon eine andere (Mechtilds, Bärbchens?), 'Hin und wieder reparierte er ihre Weidezäune ...', ist  ähnlich herrenlos, passt in keiner Weise zu Milli, so wie sie als Figur angelegt ist, sie ist Fixerin und ihr sind mit Sicherheit Weidezäune und Schuppendächer scheißegal. 'Sie beobachtete Braden ...', Perspektive der Mechthild offensichtlich auf Braden, aber noch im gleichen Satz '... der ihn betäubte und willenlos machte', sind wir bei Bradens Empfindungen. Das alles auf anderthalb Seiten.

Natürlich! Daraus hätte man eine Menge machen können: Busfahrer blickt im Innenspiegel auf Braden, der blickt auf Milli, die nach draußen sieht, dann in den Innenspiegel, dem Blick des Busfahrers begegnet. Aber so ist es nur konfus. Ein typischer Anfängerfehler: Der Autor weiß, was er sagen will und er sagt es, ob es (zu) den Figuren passt oder nicht. Und man muss den Roman wirklich nicht bis zum bitteren Ende lesen, um zu wissen, dass der Autor seine Sicht der Dinge gnadenlos gegen seine Figuren behauptet.

Filmisch bedeuteten dies - in etwa! - Fehler in der Continuity, Milli sitzt in der letzten Bank, als der Busfahrer auf sie blickt, aber irgend wo mitten im Bus, als sich Braden zu ihr setzt, oder sie hat mal rote, mal blonde Haare, so etwas kommt bekanntlich in den besten Filmen vor. Frage ist nur, ab welchem Punkt der Offensichtlichkeit und Häufigkeit die Toleranzgrenze überschritten ist. Und die beiden von mir als herrenlos eingestuften Sätze  wirken ungefähr so, als laufe da ein kleines Männchen (vom auktorialen Erzähler/Regisseur losgelassen) durch den Bus und hielte ein Schild hoch, auf dem geschrieben steht: 'Achtung! Braden ist mit ihr verwandt. Hin und wieder repariert er ...'

Den normalen Leser müsste so etwas eigentlich gar nicht interessieren. Darum hat sich das Lektorat zu kümmern. Oder spätestens die Kritik. Aber wenn das so veröffentlicht und gelobt und ausgezeichnet wird, ist etwas oberfaul. Weil nämlich die Konfusion, die solche Texte unweigerlich auslösen, bei bestimmten Leuten als Erkennungsmerkmal für KUNST/LITERATUR gesehen wird.

© by kloy 2018

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